Sechsundzwanzigster Februar bis dritter März zweitausendsechzehn

Grundstimmung: alles nicht so schlimm

Einen großen Teil der Woche verbrachte ich bei meinen Eltern. Wir haben ein kompliziertes Verhältnis. Das Benennen und Respektieren von Grenzen ist ein schwieriges Thema – oder keins, wie man es nimmt. Früher oder später knallen Beleidigtsein, Verständnislosigkeit und Verletzung aufeinander und „Entschuldigungen“ im Tonfall tut mir Leid, dass ich lebe sind vorprogrammiert und machen nichts besser.
Ich habe nicht geringen Anteil an den Problemen. Ich habe mich schon immer widersetzt. Unvergessen bleibt für mich, wie wir Musicalkarten geschenkt bekommen hatten und ich mich bei der Entscheidung, was wir uns ansehen, nicht gehört fühlte. Ich war unausstehlich und die Fahrt endete für mich an der Stadtgrenze. Damals war ich wahrscheinlich 14 oder 15. Ich holte den irgendwo untergebrachten Hund wieder ab und genoss ein Wochenende in absoluter Freiheit.
Dieses Gefühl, übergangen zu werden und nichts anderes tun zu können, als mich rauszuziehen, habe ich immer, wenn ich dort bin. Seit meine Schwester auch ausgezogen ist, ist es noch schlimmer geworden. Meine Mutter entscheidet, sie taktet den Alltag ein, die Woche, das Jahr. Mein Vater nickt. Ich finde das schwer auszuhalten, auch wenn ich mich dabei rausdenke. „Und was sagt Vaddi dazu?“ frage ich meine Mutter, und die sagt, ihm sei das egal. Er erzählt mir, dass er von genau der Sache sehr genervt ist, aber nichts sagt, weil das ja nichts wichtiges ist. Und ich stehe dazwischen und denke: Verdammt, jetzt redet doch mal miteinander. Sei nicht so nachgiebig, achte dich und deine Wünsche. Sei nicht so unsicher, du musst dich nicht unersetzbar machen, um liebenswert zu sein.
Trotz aller Genervtheit, aller Schwierigkeiten – das Wegfahren fiel mir schwer. Ich hätte gerne noch mal angefangen, mich besser auf sie eingestellt, sie als Eltern gefühlt. Aber wie fühlen sich Eltern eigentlich an?

Der eigentliche Grund für die Reise war ein beruflicher Termin. Ich ging dort mit den schlimmsten Erwartungen hin und kam sehr überrascht wieder raus. Bisher hatte ich ein Gefälle zwischen mir und den anderen Menschen dort gespürt – unten ich als Arbeitnehmerin, die ehrenamtlichen Entscheider oben. Dieses Mal war das anders. Wir befanden uns auf Augenhöhe und für mich war die Sitzung die bis jetzt leichteste, obwohl sie von den Themen her die schwierigste war und wenig gelöst werden konnte.

Nach der Sitzung sammelte ich meinen Vater ein, der mir hinterhergefahren war. Denn just an dem Abend nach diesem Termin spielte Sophie Hunger in der Nachbarstadt und ich hatte meinem Vater – nicht ganz uneigennützig – eine Karte zum Geburtstag geschenkt plus eine Übernachtung im Hotel und Zeit mit mir. Das Konzert war mein drittes oder viertes aus der Supermoon-Tour, und es war wieder etwas besonderes. Aléxis Anérilles‘ Klaviersolo in Das Neue war irre und brachte den Saal zum Toben, und auch sein Flügelhorn-Solo war zum Verlieben schön. Geoffrey Burton machte schon wieder verrückte Sachen mit seiner Gitarre, Simon Gerber sang wie ein Vögelchen und Alberto Malo beim Trommeln zuzusehen, war wie immer eine große Freude. Und Sophie Hunger war eben Sophie Hunger – brillant wie immer. Mit meiner Liebe zur Band war ich nicht alleine. Ich habe noch kein Konzert erlebt, bei dem während der Vorstellungsrunde und während der Solos so viel applaudiert wurde. Ich wurde von einem Glück ins nächste geschleudert und hatte endlich das Gefühl, auch Fathr zu verstehen. Bisher stand ich dem Song ambivalent gegenüber – musikalisch wunderbar eingängig gleichzeitig unlangweilig, aber mit dem Text konnte ich nichts anfangen.
Anschließend landeten mein Vater und ich in einem ranzigen Bistro mit gar nicht mal schlechtem Rotwein. Dazu und für den folgenden halben Tag genügt meine 140-Zeichen-Zusammenfassung:

Eigentlich wäre ich nach der Woche urlaubsreif gewesen, stattdessen ging ich pflichtbewusst zwei Tage arbeiten und zur Erholung muss das Wochenende reichen. Nächste Woche arbeite ich die Sitzung auf und etwas schönes steht auch noch an, von dem ich hier aber leider nichts schreiben kann.

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