Das Phantom

Die letzten Tage waren geprägt davon, dass die Ex auf verschiedene Arten in mein (und damit unser) Leben hineinwirkte. Sei es, weil sie der Dorffrau in die Timeline retweetet wurde, eine ihrer Freundinnen uns giftig ansah oder es einfach Situationen gab, in denen ich an sie erinnert wurde. 

Ich vermisse sie nicht – nichts an ihr. Wenn ich an sie denke, dann meistens in Situationen, wo ich froh bin, dass sie nicht mehr Teil meines Lebens ist. Dann schießt mir durch den Kopf, was sie sagen würde, und dass mich das ärgern würde, und dass ich das dann sagen und damit eine Grundsatzdiskussion auslösen würde. Es gab ein Thema zwischen uns, das immer wieder Konflikte hervorrief, die nicht gelöst werden konnten. Ich glaubte jedes Mal, wenn unsere Diskussion beendet war, der Konflikt sei beigelegt, und vergaß ihn – aber früher oder später wärmte sie ihn wieder auf. Das war für mich vor allem deshalb belastend, weil ich, um das Gezanke zu vermeiden, gegen einen Teil meiner Persönlichkeit hätte handeln müssen. Dafür bin ich zu trotzig. Dennoch habe ich das Gefühl, durch das Nichtvermeiden dieses Konflikts die Beziehung kaputt gemacht zu haben. Zugleich weiß ich, dass das Quatsch ist, denn ich habe ihren Umgang mit dem gleichen Grundthema bei anderen Menschen erlebt, und da verhielt sie sich auch nicht gerade so, dass es zu einer Lösung hätte kommen können, die beiden gerecht wird. Aber mein Gefühl lässt sich vom Wissen leider nicht sonderlich beeindrucken. 

Dieses Thema, um das wir immer wieder stritten, taucht auch hin und wieder zwischen der Dorffrau und mir auf. Ich bekomme dann Angst, es könnte auch zwischen uns zu einem Dauerbrenner werden. Dass die Dorffrau ein Mensch ist, der völlig anders mit Konflikten umgeht als die Ex es tut, muss sich bei mir noch setzen.

Mir liegt viel daran, den Menschen in meiner Umgebung und vor allem denen, die ich liebe, nicht zu schaden, sondern im besten Fall eine Bereicherung zu sein. Das gelingt mir nicht immer und nicht bei jeder_m, und wenn es nicht gelingt, hängt mir das lange nach. Ich wollte für die Ex und für mich ein gemeinsames gutes Leben, und war bereit, einiges dafür zu tun. Sie bat mich häufig um Verständnis und Geduld, und ich hatte Verständnis und Geduld. Ich stellte meine Bedürfnisse und Wünsche nicht nur oft zurück, ich stellte sie auch in Frage, wenn die Ex sie abwertete, und entfernte mich von ihnen. Dass das auf Dauer nicht gutgehen konnte, war mir klar. Aber „bald“ und „vielleicht“ heißt ja nicht „nie“ und „auf keinen Fall“ – dachte ich mir, und hatte Verständnis und Geduld. Ich brauchte einen Impuls von außen, eine anstehende Entscheidung, die ich nicht ohne sie treffen wollte, um zu merken, dass sie „bald“ und „vielleicht“ nicht auflösen würde – weder in die eine, noch in die andere Richtung. Also nahm ich ihr die Entscheidung ab, indem ich das einzige tat, was in meiner Macht lag. Ich kündigte die Trennung an, falls es keine Lösung gäbe. Für mich folgte eine Zeit, in der ich kaum etwas schaffte. Immerhin gelang es mir meist, erst zu Hause richtig zu heulen. Sie, erfuhr ich später, beschäftigte sich währenddessen damit, irgendwelches Zeug zu kaufen. Ich hatte das Verständnishaben bis zu diesem Zeitpunkt so gut trainiert, dass ich es auch dafür aufbrachte. Zugleich wurde mir aber klar, dass ich keine Frau an meiner Seite haben möchte, die auch in den heftigsten Konfliktsituationen ihre Gefühle durch unnötige Handlungen kompensiert und nicht in der Lage ist, das selbst zu erkennen. Trotz allem glaubte ich, sie noch zu lieben. Heute denke ich, es war irgendein ungesundes Gefühlsgemisch aus Gewohnheit und Verantwortung. 


Ich ahnte, dass sie mich für einen schlechten Menschen hält und mit ihr sicher einige, die nur ihre Seite kennen. Sie kann meisterhaft leiden. Sie ist wirklich gut darin, die Seite der anderen nicht zu sehen. Und es gelingt ihr hervorragend, sich immer wieder als diejenige zu präsentieren, der jemand etwas antut. In unseren fünf Jahren war die Formulierung „was die_der mit mir macht“ eine ihrer häufigsten. In diesen fünf Jahren kam mir öfter mal der Gedanke, dass es vielleicht doch nicht so gut passt, wie ich das gerne hätte. Und dann dachte ich daran, was passieren würde, sollte ich mich trennen. Nach allem, was ich aus ihren Erzählungen von den vorangegangenen Trennungen wusste, war mir klar, dass sie sehr leiden würde. Allerdings hätte ich nicht gedacht, dass sie losgeht und Leute gegen mich aufbringt. Um diese eine Person tut es mir nicht Leid. Sie war mir ohnehin meistens unangenehm. Aber nun frage ich mich, ob sie noch anderen erzählt hat, was ich „mit ihr gemacht“ habe. Vielleicht den Freunden, zu denen der Kontakt eingeschlafen ist und die seit einem halben Jahr auf keinen meiner Versuche, ihn wieder aufleben zu lassen, reagieren. Ganz bestimmt dem Paar, das ich so sehr mochte. Und sicher bestärkt der Typ, der bereits letztes Jahr im Sommer dabei war, meinen Platz als wichtigster Mensch in ihrem Leben einzunehmen, sie noch darin. Ich will solche Gedanken nicht haben. Sie sind zu verrückt.

Sie spielt als Person keine Rolle mehr für mich. Aber in meinem Gewissen und in dem, was unsere Konflikte in mir hinterlassen haben, wird sie mich noch eine Weile begleiten – wie ein Phantom.