Erster Januar bis einunddreißigster Dezember zweitausendsechzehn 

Das Jahr begann für mich damit, dass ich mit zwei twitternden, alles und jede_n um sie ignorierenden Frauen an einem Küchentisch saß, der um Himmels Willen bloß keine Flecken bekommen durfte, und mir dachte, dass ich fürs stumm Rumsitzen und ins blaue Licht gucken nicht hätte verreisen müssen, weshalb ich dann doch fragte, ob wir uns nicht mal ein schönes neues Jahr wünschen wollen, was dann auch gnädig getan wurde. Dieses Festival der einsamen Herzen war der Auftakt einer Reihe von Unternehmungen, mit denen ich mich nach der Trennung von der Ex meiner Freiheit und meiner Eigenständigkeit versicherte, und die mir, bis auf eine, letztlich vor allem Stress und Ärger einbrachten. 
Die eine Unternehmung, die ich keineswegs bereue, war mein Besuch bei der Frau, die kurz darauf als meine Dorffrau einen festen Platz in meinem Leben einnahm und es seitdem auf wunderbare Weise bereichert. Der gesamte Rest des Jahres und alle großen Entscheidungen, die ich traf, wurden durch sie geprägt. 

Beruflich war das Jahr durchwachsen. Zum alten Erstjob kam Mitte des Jahres der Zweitjob hinzu und ich erfuhr, wie es sich in einem geregelten Arbeitsumfeld arbeitet. Was soll ich sagen – es war ein Traum. Ich werde jetzt nicht Erst- und Zweitjob miteinander vergleichen. Es wäre ein unfairer Vergleich, weil sie sehr gegensätzlich sind, und er würde sehr einseitig, weil ich ganz schön sauer bin auf den Erstjob. Denn während der Zweitjob alles tat, um mich irgendwie zu halten, schien es mir, als knallten im räumlichen Umfeld des Erstjobs die Korken, dass mein Zimmer endlich frei ist, während im ideellen Umfeld noch immer Schockstarre herrscht. 
Das zeichnete sich bereits im Mai ab, als sich mit dem Weggang einer Kollegin das Klima für mich verschlechterte. Ich bin keine Einzelkämpferin. Und ich bin der Meinung, dass es würdelos ist, sich jahrelang den eigenen Job erkämpfen zu müssen. Die, die für meinen Job und um mich hätten kämpfen können, taten es nicht. Und die, die sich von meinem Job gestört fühlten und denen ich egal war, sabotierten, wo sie konnten. Als ich ankündigte, dass ich im nächsten Jahr nicht mehr zur Verfügung stehe, kam ich damit nur der sich abzeichnenden Entwicklung zuvor. Und es ist auf jeden Fall besser selbst zu gehen als gegangen zu werden. Auch wenn der Vorsprung nur gering ist.

Es war das intensivste und bewegteste Jahr seit langem. Auch wenn die derzeitige Situation nicht wirklich toll ist und die Zukunft in beruflicher Hinsicht noch unklar ist, bereue ich nichts und hoffe auf alles.

Ufff

Gestern Abend, als ich überdreht und hellwach im Bett lag und die Dorffrau wachhielt, erinnerte ich mich daran, wie ich vor gut zwei Monaten vor Erschöpfung geweint hatte. Da hatte ich Urlaub, es war die erste von zwei Wochen, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass mir dieses kleine Bisschen Zeit reichen würde, um wieder zu können und zu wollen. „Wenn es gar nicht geht, lasse ich mich krankschreiben“, sagte ich damals. Der Urlaub ging zuende und ich wieder zur Arbeit. Und irgendwie war es anfangs gar nicht so schlimm. Ich arbeitete, ließ mich nicht krankschreiben und tat, was getan werden musste. Die Dorffrau unterstützte mich. Sie kaufte ein, kochte, hielt die Wohnung in Ordnung und machte einen Großteil der Hunderunden. Sie half mir dabei, abends und am Wochenende die Arbeit aus meinem Kopf zu kriegen, und sorgte dafür, dass ich nicht zu spät ins Bett ging, wie es mir immer wieder passiert, wenn ich alleine bin. 

Es wurde schleichend wieder schlimmer. Meine Erschöpfung nahm zu, aber ich bemerkte sie nicht – vielleicht auch, weil all die ungesunden, nicht hilfreichen Verhaltensweisen durch die Anwesenheit und Hilfe der Dorffrau wegfielen und ich mein Gespür für mich neu justieren muss. Ich ließ mich immer noch nicht krankschreiben, denn es ging ja. Es war, als sei ein Widerstand überwunden worden – einer, der bremst und dadurch schützt – und ich lief heiß. Vor einigen Tagen sprach ich mit der Dorffrau über meine Probleme bei der Arbeit. Nicht zum ersten Mal, und als sie ansetzte, etwas zu sagen, ahnte ich bereits, was sie sagen würde. Ich fiel ihr ins Wort, wurde laut und verletzte sie damit sehr. Anschließend tat es mir Leid, und gleichzeitig spukte mir ein „Menno, versteh mich doch!“ durchs Gemüt. Ganz blöde Mischung. Wir kriegten das hin, so ist das nicht. Aber es rüttelte mich wach. Ich nahm plötzlich meine Erschöpfung war; die geistige und die körperliche. Und ich ärgere mich, dass ich nicht besser auf mich geachtet habe. 

Und jetzt habe ich Angst vor den kommenden Wochen. Es ist nicht etwa so, dass ich mich ausruhen könnte. Ich muss zwischen den Jahren zwei Bewerbungen schreiben, und meine Zeugnisse sind noch nicht da. Ich muss mich bald um ein Umzugsunternehmen kümmern und um einen Maler. Dann muss ich Kartons packen, Zeugs abmelden, undundund. Und weiter Bewerbungen schreiben. Und zwischendurch zu Vorstellungsgesprächen. Ein bisschen hoffe ich, dass es noch etwas dauert, bis ich Arbeit finde, denn ich habe gerade nicht das Gefühl, dass ich in zwei Monaten schon wieder kann. 

Ufff.