Neunundzwanzigster April bis fünfter Mai zweitausendsechzehn

Grundstimmung: JA!

Die erste Hälfte des ersten Tags der Blogwoche verbrachte ich mit einem warmen Körnerkissen, Schmerztabletten und Tee auf dem Sofa. Einen Termin bei meiner HNO, bei dem rechts der Hörnerv geprüft werden sollte, sagte ich ab. Später rappelte ich mich auf und fuhr die Critical Mass mit. Diesmal fuhr auch eine Freundin mit, die einen Haufen weiterer zusammengetrommelt hatte, so dass wir auf dem Weg zum Treffpunkt fast schon selbst eine kritische Masse bildeten. Auf der CM gab es wieder sehr schöne Fahrräder zu sehen, viele nette, entspannte Menschen fuhren mit. Einige wenige schienen die Veranstaltung leider als Möglichkeit zu sehen, sämtliche Verkehrsregeln zu übergehen und hemmungslos Autofahrer zu provozieren. Das ärgerte mich sehr, denn auf die Art gewinnt man nicht an Akzeptanz.
Samstag widmete ich mich Erledigungen und der Wohnung. Das verlief ohne erwähnenswerte Zwischenfälle. Sonntag fuhr ich zwecks re:publica-Besuch nach Berlin. Mit Fernbus und Fahrrad, denn vor die Wahl gestellt, mich in die überfüllte U2 zu quetschen oder mit dem Rad die Busspuren entlang zu sausen, fällt mir die Entscheidung nicht schwer. Ich hatte damals in meinem Berlin-Vorfreude-Tweet auch Fahrradfahren geschrieben, und das liegt nicht daran, dass ich bekloppt oder lebensmüde bin. Vielmehr habe ich in Berlin das Großstadtradeln gelernt. Ich liebe es, die breiten Busspuren benutzen zu dürfen und glaube, relativ gut einschätzen zu können, wie die Leute fahren. Verglichen mit Dresden habe ich in Berlin nicht das Gefühl, als Radfahrerin spräche man mir jede Daseinsberechtigung ab. Mir scheint, als könnten sich die Berliner Autofahrer_innen besser damit arrangieren, dass noch weitere vier Millionen Menschen die Infrastruktur der Stadt nutzen. Das hilft mir, mir den Platz auf der Straße zu nehmen, den ich brauche. Und mich mehr über nicht den Radstreifen zuparkende DHL-Fahrzeuge zu freuen als mich über knapp überholende Taxis zu ärgern. Vielleicht bin ich ein bisschen verrückt. Jedenfalls radelte ich mit der Google Maps-Stimme im halben Kopfhörer vom ZOB zum Gleisdreieck, holte mir mein Armbändchen und das fürchterlich spiegelnde Namensdingens und sagte einigen Bekanntschaften vom letzten Jahr Hallo. Dann fuhr ich zu meinen Freunden in den Prenzlauer Berg, wo wir einen sehr schönen Abend hatten und ich eine verhältnismäßig gute erste Nacht. Es lohnt sich, das Kuschelkissen mitzunehmen.


Montag Abend besuchten wir ein Konzert in einem kleinen Club. Ich kannte die Sängerin noch nicht, hatte aber ein bisschen auf Youtube in ihr Zeug reingehört und beschlossen, dass ich keine größeren Qualen leiden würde, wenn ich mitgehe. Gelitten habe ich wirklich nicht, aber mich kurz gefragt, ob ich in einer großen Ironieinstallation gelandet bin, bei der außer mir alle mitwirken. Da ich nicht paranoid bin, kam ich zu dem Schluss, dass das Publikum wirklich zu Songs, die sich gar nicht bis kaum entwickeln, und Zeilen wie „My love is longer than forever / Endless as the march of time / 99 years after never / In my heart you’ll still be mine“ feiert. Nachdem ich das akzeptiert hatte, amüsierte ich mich bestens über die Gesamtsituation.


Dienstag Abend bekam ein Twitteraccount ein Gesicht und eine Stimme und teilte sich mit mir bemerkenswerte Mengen an Sushi. Das war schön.
Mittwoch strickte ich mir um die re:publica herum einen schönen Berlintag mit Besuch bei meinem Zahnarzt, bei dem das private Gespräch länger dauerte als die Behandlung selbst, und einem Besuch in der Staatsoper, bei dem ich eine schöne Idee hatte. Als die Gastgeberin und ich nach der Oper die Treppe zu ihrer Wohnung hochstiegen, durftete es wunderbar nach Spargel, und als sie die Wohnungstür öffnete, noch intensiver. War das ein Fest!
Donnerstag hatte ich eigentlich geplant, wieder nach Hause zu fahren. Wir schliefen aus, frühstückten ausführlich, redeten, genossen die Sonne. Und irgendwann merkte ich, dass ich nicht noch nicht wegfahren kann. Die zwei hielten es auch für eine gute Idee, und so verschob ich die Fahrt um reichlich 24 Stunden und konnte noch an einem wunderbaren Prenzlauer Berg-Tag teilhaben.

Es war eine rundum perfekte Zeit in Berlin. Es war schön, nach einem halben Jahr endlich mal wieder an dem Ort zu sein, der mir jahrelang zweite Heimat gewesen war. Meine Freunde gaben mir nicht nur Quartier auf ihrem Sofa, sondern das Gefühl zuhause und willkommen zu sein.
Die Gedanken an die Ex waren quasi omnipräsent. Damit hatte ich gerechnet, deshalb war es okay. Meine Sorge, ihr zufällig zu begegnen, konnte ich recht gut regulieren, und ich bewegte mich relativ frei durch die Straßen – auch an ihrem Haus vorbei. Was passiert wäre, hätte ich sie gesehen – und womöglich sie auch mich – weiß ich nicht. Es ist so vieles offen geblieben zwischen uns, und ich habe noch immer ein diffus schlechtes Gewissen, dass ich sie alleine lassen musste.


Meine Unkerei war Quatsch. Die Zeit war so ausgewogen und unstressig, dass ich mich trotz eher wenig Schlaf erholt und kraftvoll fühle. Dass ich in drei Tagen schon wieder arbeiten muss, finde ich trotzdem eher nicht so schön. Lieber hätte ich eine Woche Zeit, um alles wirken zu lassen und meine re:publica-Eindrücke zu verbloggen.

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