„Hör einfach nicht hin“ 

„Geh doch einfach weg“, sagte meine Mutter, wenn ich mich beklagte, dass jemand doof zu mir war.
„Hör einfach nicht hin“, sagte meine Mutter, wenn mich jemand beleidigte.
„Wenn du nicht reagieren würdest, hätten sie keinen Spaß daran“, sagte meine Mutter, wenn ich weggehen und -hören doof fand.

Ich ging weg. An Orte, die nicht so toll waren wie der, an dem ich eigentlich sein wollte, aber nicht gewollt war. Und ich schämte mich, dass ich mich nicht verteidigen konnte. 
Ich versuchte, wegzuhören. Aber ich hörte trotzdem alle Ungerechtigkeiten und Unwahrheiten, die über mich und zu mir gesagt wurden. Und es tat weh.
Ich gab mir Mühe, nicht zu reagieren und alles an mir abperlen zu lassen. Es machte nichts besser. Und am Ende war ich voller Wut und Frust, für die ich kein Ventil hatte. 

Es heißt immer, Kinder seien grausam. Kann sein, dass sie grausam sind. Außerdem sind sie kreativ, lustig, melancholisch, fürsorglich und tausend andere Dinge. Wie Erwachsene eben auch. Kinder und Jugendliche, die irgendwie in eine Außenseiterposition geraten sind, werden häufig mit dem Versprechen getröstet, dass es besser wird. Was für ein ausgemachter Blödsinn. Menschen, wegen denen der Satz „Kinder sind nun mal grausam“ fällt, hören nicht auf, sich wie Arschlöcher zu verhalten, nur weil sie volljährig werden, einen Beruf ergreifen oder selbst Kinder bekommen. Ihr Arschlochverhalten nimmt einfach nur andere Züge an.

Wenn ich mich heute umschaue – bei der Arbeit, im Freundeskreis, in der Familie – halte ich die Ratschläge meiner Mutter für absoluten Wahnsinn. Sie bauen darauf, dass Menschen „gut“ sind – dass sie niemanden in den Suizid mobben, sich gegeneinander ausspielen und einander das Schwarze unterm Nagel nicht gönnen. 

Ich wünschte, meine Eltern hätten mir beigebracht, zu kämpfen. Mich – auf welche Art auch immer – gegen die Arschlöcher zu wehren. Für mich und für die, die mir wichtig sind, einzutreten. Zu streiten und mich wieder zu vertagen. Auszuhalten, wenn jemand sauer auf mich ist. Und es hätte mir gut getan zu erfahren, wie ich mit Verletzung und Machtlosigkeit am besten umgehe.
Ich bewundere Menschen, die Probleme ansprechen und aus dem Weg räumen. Ich wünschte, ich könnte das auch. Ich erdulde, ertrage und halte aus. Wie meine Mutter mir geraten hat. Bis ich nicht mehr kann. Ich weiß zugleich, dass mir das nicht gut tut, aber es zu ändern ist schwer, denn die Zeit, wo alles ein Spiel zu sein scheint und der Umgang miteinander geübt werden kann, ist vorbei.

Wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre ich gerne eine, die über allem steht. Die Menschen, die etwas Doofes sagen, ansieht und mit einem „ach was“ dafür sorgt, dass sie zumindest in meiner Gegenwart das nicht mehr tun. Stattdessen sage ich allenfalls „ja, aber“, und meistens wird das „aber“ bereits überhört und mein Gegenüber bekommt gar nicht mit, dass ich die Achtung vor ihm verliere, weil ich so beschissen nett bin. 

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