Hassliebe

Ich glaube, ich muss mal sagen, dass ich meine Arbeit eigentlich sehr gerne mache. Sie ist gut für einen kleinen, aber erlesenen Kreis von Menschen, die begeisterungsfähig sind, neugierig, dankbar. Diese Menschen haben Ecken und Kanten, sie können echt anstrengend und anspruchsvoll sein, und das nicht zu unrecht. Umso schöner ist es, dass sie mir vertrauen – und zwar wirklich mir persönlich.
Meine Vorgänger waren etwa zwei Jahre da, meine Vorgängerin nicht mal eins. Ich bin diejenige, die diesen Job jetzt am längsten macht, die das Gesicht des Ladens prägt. Die vielen Chefs und Chefinnen, die ich habe, sind im Hintergrund, geben die grobe Richtung vor. Ich kann Vorschläge die Details betreffend einbringen, und die meisten werden dann auch akzeptiert. Anderes mache ich einfach ohne große Diskussionen. Das Ding ist wirklich meine Arbeit.
Was nervt, ist das Drumherum. Eingebunden zu sein in ein Umfeld, das eine ganz andere Ausrichtung hat, ganz andere Ziele verfolgt, das nicht versteht, wie ich denke und was ich den ganzen Tag mache. Und die Unsicherheit, die Hangelei von einem Jahresvertrag zum nächsten. Das schlaucht. Hinzu kommt, dass noch immer die Konditionen gelten, zu denen ich vor sieben Jahren angefangen habe, während die Arbeit mehr geworden ist.

Gehen, was anderes suchen, nur weil die Bedingungen nicht gut sind, kann ich nicht. Auch wenn ich manchmal wirklich sehr, sehr, sehr frustriert bin.
Ich hatte zwei Vorstellungsgespräche. Das erste war sehr erfolgreich. Die wollten mich wirklich. Es gab eine Reihe vernünftiger Gründe, die Stelle nicht anzunehmen, vor allem aber gab es einen emotionalen: Ich wollte meinen Job nicht aufgeben.
Die andere Stelle, auf die ich mich beworben hatte, wäre als Zweitjob gegangen. Aber das Bewerbungsgespräch lief komisch, und ich ging als gute Zweite aus dem Rennen. Nach kurzer Enttäuschung erkannte ich, dass das eigentlich ganz gut war. Denn ich hätte es niemals geschafft, beide Jobs gut zu machen, und eigentlich hatte ich mich auch nur beworben, um die Unsicherheiten auszugleichen. Mein Bauch wusste das wohl vor mir und hat mich dummes Zeug reden lassen. Guter Bauch.

Und nun? Nun werde ich einfach weitermachen. Abwarten, was sich ergibt. Die Chancen, dass die Umstände besser werden, stehen fünfzig zu fünfzig. Die Chancen, dass diese besseren Umstände mich glücklich machen, auch. Was ganz schön wenig ist.

Aber gehen? Nein. Das geht noch nicht.

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