Fünfundzwanzigster bis einunddreißigster März zweitausendsechzehn

Grundstimmung: mir gehört die Welt

Die Blogwoche begann im Zug und mit einem wunderschönen Wochenende. Ich sah Natur, schöne Häuser, eine unfassbar überladene Kirche und vielvielviel mehr und bereute mehr als einmal, nur das Handy zum Fotografieren zu haben. Besonders beeindruckten mich die ungeplant gewachsenen Stadtkerne, wo die Häuser irgendwie nebeneinandergesetzt rumstehen. Das hatte ich bisher noch nirgends so bewusst wahrgenommen. Dass das Ganze noch mit unglaublich netter Gesellschaft und entspannter Atmosphäre gekrönt war, machte das Osterwochenende wunderbar rund und den Ausflug zur denkbar besten Entscheidung.

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Beim letzten Kaffee vor meiner Abfahrt zeigte sich mal wieder die Verrücktheit der Welt: Wir saßen in einer eigentlich ganz fürchterlichen Eisdiele und in meinem Blickfeld saß eine Frau, die mir extrem bekannt vorkam. Irgendwann ging ich zu ihr und fragte sie, ob wir uns schon mal begegnet sein könnten. Zwei Sekunden später umarmte mich meine ehemalige Klavierlehrerin, die so viel mehr gewesen war als nur Klavierlehrerin (nämlich auch Flötenkreisleiterin, Choreinsingerin, vernarrt in unseren Hund) und vor einer gefühlten Ewigkeit die Stadt meiner Kindheit und Jugend mit unbekanntem Ziel verlassen hatte. Wir hatten nicht viel Zeit, uns zu unterhalten, aber es genügte, um in mir feministische Empörung und Ärger über kleinstädtischen Tratsch zu wecken.

Es fühlt sich an, als sei diese Reise eine Art Initiation ins Single-Sein gewesen, ein exzessives Ausleben meiner neuen Freiheit. Fünf Jahre lang habe ich meine Wochenendplanung auf die Beziehung abgestimmt. Ich habe das gerne getan, es war für mich selbstverständlich, ich habe auch nichts vermisst – mit Ausnahme des Zusammenlebens. Inzwischen tut es mir Leid, dass ich mich so stark in die Beziehung eingekapselt hatte. Ich glaube, zusammenlebend hätten wir mehr Freiheit und Kontakte außerhalb des Zweiseins gehabt. In unserem dritten Jahr las ich ein Buch, das im Titel das Fernbeziehungsleben lobzupreisen behauptete. Die Autorin erzählte in den ersten zwei Dritteln des Buchs, wie toll es ist, nicht zusammenzuleben. Im letzten Drittel war sie schwanger und zog mit ihrem Mann in ein Haus auf halber Strecke. Was für ein Scheiß, dachte ich und zog das Gute aus den ersten zwei Dritteln. Irgendwie funktionierte das auch eine Zeitlang ganz gut und erst jetzt wird mir bewusst, dass ich eigentlich erwartet hatte, das letzte Drittel auch noch zu bekommen – als eine Art Belohnung fürs Durchhalten. Das macht mich leider gerade etwas bitter und erschwert es, mich ans Gute zu erinnern. Wie dem auch sei – nach dem Wundenlecken der letzten Monate tut es gut, die Vorteile des Alleinseins auszukosten.

Außerdem war es gut, andere Teile Deutschlands zu sehen und einen Eindruck zu gewinnen, wie es wo ist. Bis Montag rechnete ich eigentlich ziemlich fest damit, irgendwann im nächsten Jahr irgendwo eine neue Arbeit zu beginnen. Für mich ist es gut, eine Vorstellung zu haben, wie es dort ist, wo ich mich bewerbe. Süddeutschland würde mich jetzt gleich viel weniger erschrecken. So fuhr ich also ziemlich zuversichtlich und neugierig auf meine Zukunft in die neue Woche, nur um am Dienstag zu erfahren, dass vielleicht alles ganz anders kommt und ich hier einen guten Job kriegen könnte. Nach dem ersten Schreck und ein paar Nächten finde ich die Vorstellung immer besser, aber meine ersten Gedanken waren tatsächlich dass ich meine alte Arbeit aufgeben müsste und nicht frei und neugierig an einen neuen Ort gehen kann. Manchnmal erschrecke ich, wie schnell sich eine Idee als unverrückbarer Plan in mir festsetzen kann.

Die Arbeit plätscherte entspannt wieder an. Mir passierte ein nicht schlimmer, aber vermeidbarer Fehler, den ich am Montag wieder ausbügeln muss, und ich wartete vergeblich auf einen Rückruf. Nächste Woche werde ich Druck machen müssen. Das kann ich nicht gut, schon gar nicht bei dieser Person und nach allem, was ich über andere ungefragt an Hintergrund erfahren habe.

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