Lieber toleranter heterosexueller Mensch, 

du bist echt anstrengend, weißt du das eigentlich? Ich würde gerne neben dir leben – einfach so, ohne große Worte. Aber ständig reibst du mir deine Toleranz unter die Nase. 

Wenn wir uns begegnen, du und ich, beginnt deine Toleranz plötzlich aus dir herauszuquellen, und ich frage mich, warum das so ist. Habe ich irgendwas im Gesicht, das dich dazu bringt, mir von deiner überbordenden Toleranz zu erzählen? Wenn das so ist, dann sag es mir doch bitte. Es würde uns beiden viel Zeit und unnütze Worte ersparen. Denn weiß du – mir ist schon klar, dass du kein Problem mit meinem Lesbischsein hast, wenn du meiner Frau und mir freundlich begegnest und uns in dein Haus einlädst. 

Dein liebster Satz scheint „Also, ich habe ja kein Problem damit“ zu sein. Ich weiß immer gar nicht, was ich darauf entgegnen soll. Erwartest du ein „Danke“? Es fühlt sich manchmal so an, aber wenn ich einmal damit anfinge, müsste ich mich bei jeder Person bedanken, die mich nicht offen diskriminiert, und das wäre doch mehr als lächerlich. Dein zu deinem Verhalten ärgerlich redundanter Lieblingssatz macht mich aber nicht nur ratlos. Er führt allzu oft zu einem „Aber für mich wäre das nichts“, was ich wirklich nervig finde. 1.) ist der Satz überflüssig – natürlich ist „das“ nichts für dich, denn du bist ja nicht lesbisch. Und 2.) habe ich bei diesem Satz das Gefühl, du wolltest einer Aufforderung meinerseits, „es“ doch mal auszuprobieren, zuvorkommen. Dir ist klar, dass ich das niemals sagen würde, oder? 

Oft untermauerst du die Darstellung deiner Toleranz mit der Erwähnung homosexueller Verwandter oder Freund_innen, die du ganz toll mutig findest, weil sie „dazu“ stehen, obwohl ja die Oma, der Opa oder der angeheiratete Großonkel dritten Grades … ach, du weißt es doch selbst. Meistens muss ich an dieser Stelle innerlich über dich schmunzeln, weil du klischeehafter bist als dein arschwackelnder schwuler Cousin, den du so vorbildlich supportest. 

Nicht mehr schmunzeln kann ich, wenn du dich vor mir auf Kosten anderer überhöhst. Du erzählst mir, dass im Gegensatz zu dir (einself) andere Personen nämlich schon ein Problem „damit“ haben. Ich verrate dir jetzt zwei Dinge: Erstens ist mir das nicht neu. Zweitens – und jetzt pass bitte gut auf, denn das ist mir wirklich wichtig – erzeugst du, indem du Namen nennst oder auch nur Andeutungen zu konkreten Personen machst, in mir Sorge, von den Personen angefeindet oder zumindest weniger anständig behandelt zu werden. Und diese Sorge macht, dass ich mich nicht mehr ungezwungen verhalten kann. Zum einen ist es schwer abzuschätzen, ob und wie jemand seine nicht vorhandene Toleranz zeigen wird. Da ist plötzlich eine diffuse Angst – davor, in eine Diskussion verwickelt zu werden, die ich nicht will, oder ausgegrenzt zu werden oder, nicht zuletzt, körperlich angegangen zu werden. Und diese Angst macht, dass alles andere, was mich mit einer potentiell intoleranten Person verbinden könnte, in den Hintergrund tritt. Im Extremfall beginne ich, jede kleine Äußerung, jede Geste und die gesamte Mimik zu analysieren, um zu keinem klaren Ergebnis zu kommen. Weißt du was? Ich will das nicht. 

Ich will nicht wissen, ob jemand mit meinem Lesbischsein ein Problem hat, denn was soll ich mit dieser Information? Ich kann nicht mal eben hetero werden – und ich will es auch nicht. Ich bin sehr glücklich, lesbisch wie ich bin. Was ich machen kann und auch möchte, und was ich nicht machen kann, wenn ich Angst habe, ist, meinen Gegenübern so offen, natürlich und charmant zu begegnen, wie ich nun einmal bin. Vielleicht – ganz vielleicht, aber ich bin nun mal Optimistin – bringt das sogar die eine oder den anderen wertekonservativen Menschen dazu, zu erkennen, dass ich ein Mensch bin wie jeder andere, und dass vielleicht die Welt nicht untergeht und das Abendland in Gefahr gerät, wenn ich meine Frau heiraten darf. 

Wenn aber jemand ein Problem mit meinem Lesbischsein hat, und wenn es ein großes Problem ist, werde ich das früh genug erfahren. Dann, genau dann ist der Zeitpunkt gekommen, wo ich mich freue, wenn du deine Toleranz beweist – in Form von Solidarität mir gegenüber. Bis dahin freue ich mich einfach, dich als den netten, offenen, kritischen, lustigen, nachdenklichen, politischen, zweifelnden, zuversichtlichen und nebenbei auch toleranten und heterosexuellen Menschen zu kennen, der du bist. 

Danke fürs Zuhören.