Einheitsfeiertagsgedanken  

Heute wurde also zum 28. Mal der „Tag der deutschen Einheit“ gefeiert. Seit ich politisch denken kann, fühlte sich Deutschland für mich nie uneinheitlicher an als jetzt. 

Anfang der 2000er zog ich zum Studieren nach Berlin. Ich hatte Freund_innen, Bekannte und Kolleg_innen aus West- und Ostdeutschland. Sie unterschieden sich darin, wie sie Uhrzeiten nannten, welche alten Fernsehsendungen sie kannten und auch, was die finanzielle Unterstützung durch die Eltern betraf. Die meisten von ihnen waren so alt wie ich oder etwas jünger. Alle, auch die wenigen Älteren, die ich kannte, wirkten zufrieden mit ihrer Art zu leben. Sie schienen Willens und in der Lage, sich selbst zu verwirklichen. Ich erlebte den Austausch als Bereicherung. 
Hielt ich mich urlaubend in Westdeutschland auf, gab ich mein Bestes, Familie und Freund_innen ihre Vorurteile auszutreiben. Ich fühlte mich unter diesen extrem weltfremden und rückständigen Menschen unwohl, und war jedesmal froh, wieder nach Hause zu kommen, wo ich einfach sein konnte, ohne ständig pauschale Werturteile entkräften zu müssen. 

Dann verschlug es mich nach Dresden. Hier begegnete ich vermehrt Menschen, die unzufrieden waren. Ich hörte zum ersten Mal von Vorurteilen gegenüber Westdeutschen. Mich stellten sie als die angenehm ostig-normale Ausnahme hin. Ich war anfangs so doof, mich geschmeichelt zu fühlen. 
Mit Pegida fühlte ich mich in Dresden zunehmend unwohl. Selbst in meinem sich weltoffen darstellenden Arbeitsumfeld gab es Stimmen, die Verständnis hatten und zuhören wollten. Die es völlig normal fanden, Menschen mit abweichendem Erscheinungsbild anzugaffen. Die sich als Nichthomophobe als leuchtende Ausnahmen sahen. Anstand und Toleranz, gewann ich den Eindruck, wurden von diesen Menschen nicht als Grundhaltung angenommen. 

In dem Artikel von Simone Schmollack, den die taz nach der Bundestagswahl veröffentlichte, wird mein in Dresden gewachsener Eindruck der ostdeutschen Selbstwahrnehmung bestätigt. Frau Schmollack benutzt in ihrem Text die Begriffe „Ossi“ und „Wessi“ (wahrscheinlich soll das irgendwie launisch wirken, ich finde es extrem nervig), also tue ich das an den Stellen dieses Texts, die sich auf den Artikel beziehen, ebenfalls. Zu Beginn des Artikels stellt Frau Schmollack heraus, dass sie nicht zu den AfD-Wählenden gehört, sondern „schockiert“ vom Wahlergebnis ist. Dann holt sie die Ostalgiebetroffenen ab und reicht Zweifelnden die Hand: Sie hatte in der DDR eine glückliche Kindheit. Ergo: Es war nicht alles schlecht. Und sie bemüht ihr Heimatgefühl, in dem die alten Grenzen des Landes, das es nicht mehr gibt, tief verwurzelt sind, als Verbindung zu allen, die noch nicht im Gesamtdeutschland angekommen sind. 

Was ist los mit dem Land, in dem ich geboren worden bin und eine glückliche Kindheit hatte? In dem ich studiert habe und das ich – ich kann nicht anders – nach wie vor meine Heimat nenne.

Das Land, die wunderbare Deutsche Demokratische Republik, hat ihr alles gegeben. Hach ja. Ist das dieser so genannte positive Nationalismus?
Im weiteren Verlauf des Artikels nimmt Frau Schmollack die Haltung der ewig Missverstandenen ein und schafft es, die Bevölkerung der ehemaligen DDR als ein von der Zivilisation zerstörtes Naturvolk darzustellen. 

Eine persönliche Erinnerung an eine Demütigung untermauert das Bild der arroganten Wessis, die den Ossis alles genommen haben und nichts verstehen wollen, und wird zugleich zum Schlüsselerlebnis aufgebaut: Fast alle Ossis haben so etwas erlebt und davon seien sie geprägt. Mir drängt sich die Frage, ob es das Wort „Sippenfreispruch“ gibt, in den Kopf. 

Frau Schmollack erklärt, die Ossis seien furchtbar genervt davon, dass die Wessis immer noch Witze über sie machen und klischeehaft über sie sprechen (was ich aus der umgekehrten Perspektive gut verstehen kann), und die Ossis seien enttäuscht, dass sie „ihr Land“ nicht wiederbekommen haben. Darunter, das Land wiederzubekommen, versteht sie mitnichten das wiederhochziehen eines Zauns, sondern Macht (Ostdeutsche in der Politik ostdeutscher Städte und Länder), Profit („brummende“ Wirtschaft und Wissenschaft) und Deutungshoheit (von Ostdeutschen dominierte Medien). Zu dem Thema hat sie Zahlen, und der betreffende Absatz liest sich wie eine der Abhandlungen über die Notwendigkeit des Feminismus‘ trotz einer Frau im höchsten politischen Amt. À propos Merkel: Die ist nicht nur Frau, sondern auch Ossi. Und trotzdem, sagt Frau Schmollack, fühlen sich die Ossis von der Politik vergessen. 

60% der Stimmen im Osten hat die AfD wegen dieses Vergessenwerdengefühls erhalten, resümiert Frau Schmollack, und verzichtet zwar auf eine Erklärung zur Herkunft dieser Zahl, nicht aber auf eine erneute Abgrenzung zu den Menschen, mit denen sie sich eben noch gemein machte.

Ich las den Artikel mehrmals. Er wurde nicht besser dadurch. Ganz im Gegenteil. Frau Schmollack zieht die Grenze noch einmal nach. Die armen Ossis – damals wie heute. Die schlimmen Wessis – damals wie heute. Dabei hat Frau Schmollack in vielen Punkten Recht. Die Wiedervereinigung lief nicht optimal. Sie zerstörte die Lebensgrundlage vieler Bürgerinnen und Bürger der ehemaligen DDR, sorgte für zerrüttetes Selbstbewusstsein und Unsicherheit. 

Aber, und das sage ich: Das kann kein Grund sein, ein Arschlochkollektiv zu bilden. 
Und: Jetzt zu heulen, dass die Wiedervereinigung unter Kohls CDU so viel kaputt gemacht hat, passt nicht dazu, dass die CDU in den ostdeutschen Ländern so stark wurde und immer noch ist. Es sei denn, die Wähler_innen halten die Veranstaltung für ein Tippspiel. 
Und (das wurde mit Sicherheit in beiden Deutschlands in Kindergärten und KiTas beigebracht): Was du nicht willst das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. 

Mein Eindruck ist, dass Frau Schmollack den Artikel für die sich unverstandenen Ostdeutschen geschrieben hat. Sie zementiert damit die Grenze in den Köpfen. Ich halte das für den falschen Weg. 

Wie wäre es denn, wenn wir alle mal anfingen, die Blödsinnigkeit der Unterteilung von Eigenschaften in ‚typisch West‘ und „typisch Ost“ zu erkennen und aufhörten, uns in Schubladen zu sortieren? Wenn wir aufhörten, uns aufgrund unserer Herkunft miteinander verbunden zu fühlen? Vielleicht müsste sich dann niemand von den Ostdeutschen über einen Kamm geschoren fühlen, wenn darüber gesprochen wird, dass rechte Parteien in den östlichen Teilen des Landes mehr Zuspruch erhalten. 

Denn wir haben jetzt nunmal die Einheit. Die lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Machen wir also das Beste draus. Bitte.   

„Hör einfach nicht hin“ 

„Geh doch einfach weg“, sagte meine Mutter, wenn ich mich beklagte, dass jemand doof zu mir war.
„Hör einfach nicht hin“, sagte meine Mutter, wenn mich jemand beleidigte.
„Wenn du nicht reagieren würdest, hätten sie keinen Spaß daran“, sagte meine Mutter, wenn ich weggehen und -hören doof fand.

Ich ging weg. An Orte, die nicht so toll waren wie der, an dem ich eigentlich sein wollte, aber nicht gewollt war. Und ich schämte mich, dass ich mich nicht verteidigen konnte. 
Ich versuchte, wegzuhören. Aber ich hörte trotzdem alle Ungerechtigkeiten und Unwahrheiten, die über mich und zu mir gesagt wurden. Und es tat weh.
Ich gab mir Mühe, nicht zu reagieren und alles an mir abperlen zu lassen. Es machte nichts besser. Und am Ende war ich voller Wut und Frust, für die ich kein Ventil hatte. 

Es heißt immer, Kinder seien grausam. Kann sein, dass sie grausam sind. Außerdem sind sie kreativ, lustig, melancholisch, fürsorglich und tausend andere Dinge. Wie Erwachsene eben auch. Kinder und Jugendliche, die irgendwie in eine Außenseiterposition geraten sind, werden häufig mit dem Versprechen getröstet, dass es besser wird. Was für ein ausgemachter Blödsinn. Menschen, wegen denen der Satz „Kinder sind nun mal grausam“ fällt, hören nicht auf, sich wie Arschlöcher zu verhalten, nur weil sie volljährig werden, einen Beruf ergreifen oder selbst Kinder bekommen. Ihr Arschlochverhalten nimmt einfach nur andere Züge an.

Wenn ich mich heute umschaue – bei der Arbeit, im Freundeskreis, in der Familie – halte ich die Ratschläge meiner Mutter für absoluten Wahnsinn. Sie bauen darauf, dass Menschen „gut“ sind – dass sie niemanden in den Suizid mobben, sich gegeneinander ausspielen und einander das Schwarze unterm Nagel nicht gönnen. 

Ich wünschte, meine Eltern hätten mir beigebracht, zu kämpfen. Mich – auf welche Art auch immer – gegen die Arschlöcher zu wehren. Für mich und für die, die mir wichtig sind, einzutreten. Zu streiten und mich wieder zu vertagen. Auszuhalten, wenn jemand sauer auf mich ist. Und es hätte mir gut getan zu erfahren, wie ich mit Verletzung und Machtlosigkeit am besten umgehe.
Ich bewundere Menschen, die Probleme ansprechen und aus dem Weg räumen. Ich wünschte, ich könnte das auch. Ich erdulde, ertrage und halte aus. Wie meine Mutter mir geraten hat. Bis ich nicht mehr kann. Ich weiß zugleich, dass mir das nicht gut tut, aber es zu ändern ist schwer, denn die Zeit, wo alles ein Spiel zu sein scheint und der Umgang miteinander geübt werden kann, ist vorbei.

Wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre ich gerne eine, die über allem steht. Die Menschen, die etwas Doofes sagen, ansieht und mit einem „ach was“ dafür sorgt, dass sie zumindest in meiner Gegenwart das nicht mehr tun. Stattdessen sage ich allenfalls „ja, aber“, und meistens wird das „aber“ bereits überhört und mein Gegenüber bekommt gar nicht mit, dass ich die Achtung vor ihm verliere, weil ich so beschissen nett bin.