Workshopkritik

Vorbemerkung 1: Ich gebe hier meinen subjektiven, durch Müdigkeit und Schmerzen geprägten Eindruck wieder. Andere, die dabei waren, sehen das alles bestimmt ganz anders.
Vorbemerkung 2:Weil ich keine Lust habe auf Diskussionen mit anderen, die dabei waren und das ganz anders sehen, schreibe ich nicht, wo ich war und wie das Thema hieß (Suchmaschinen-Deoptimierung).
Vorbemerkung 3: Ich habe nur 2/3 der Veranstaltung mitgemacht. Das letzte Drittel war bestimmt super.

Am Wochenende war ich also bei so einem Workshop zu einer Sache, die zu machen man lernen kann, die viele aber irgendwie einfach so machen. Ich mache das auch einfach so, ungerne, weil ich nicht wirklich weiß, wie es geht, aber immerhin gibt es Leute, die das gelernt haben und mir ab und zu helfen. Trotzdem dachte ich, es kann nicht schaden, was dazuzulernen. Um nicht immer anderen auf den Wecker zu fallen, die auch ohne mich genug zu tun haben. Und um was für meine Bewerbungsmappe zu haben.

Zu mir
Wie erwähnt: Ich war am ersten Tag sehr müde und hatte Schmerzen, am zweiten Tag ging es mir nicht viel besser, deshalb war ich außerordentllich genervt von allem, das das ganze Unterfangen unnötig in die Länge zu ziehen schien. Außerdem bin ich eine, die Gruppenarbeit eher nicht so mag, auf Kommando nicht kreativ sein kann, dafür umso besser zuhört, mit- und weiterdenkt. Desweiteren bin ich auch ausgeschlafen und schmerzlos pragmatisch und kann für Umwege wenig Begeisterung aufbringen.

Der Anbieter
Guter Name, sehr gut und von allen Seiten gefördert, deshalb sehr moderate Preise. Ein bisschen desorganisiert, aber letztendlich klappt dann doch alles. Sehr gastfreundlich. Es gibt einfache, aber ausreichende Verpflegung, und wer es braucht, kann auch selbst in die Küche gehen und sich einen Tee kochen. Sehr gut, was die Ausstattung mit Präsentationsgedöns angeht. Mir prinzipiell sympatisch.

Der Referent
Er stellte sich vor, und ich erfuhr einige Dinge aus seinem Privatleben, die völlig egal waren, und einiges aus seinem Berufsleben, das mir stark nach aufgeblasenem Klein-Klein klang, weshalb ich mich ein bisschen wunderte, warum und wie die Wahl auf ihn gefallen war. Schließlich sind wir hier in Dresden, das zwar hübsch provinziell tut, aber dennoch groß genug ist, um jemanden mit etwas mehr und vor allem breiterem Hintergrund zu finden. Das wäre gut gewesen, nicht nur wegen des Renommees, denn das Thema ist sehr, sehr breit.
Er wirkte einerseits, als hätte er den Workshop schon ein paar Mal gegeben, andererseits sagte er für meinen Geschmack zu häufig „Oh, das habe ich vergessen zu sagen“ bzw. „Das hätte ich eigentlich viel früher sagen müssen“. Sowas kann passieren, aber nicht drei Mal pro Stunde. Und nicht, wenn es um mitzubringendes Arbeitsmaterial geht.
Und dann waren da so Sachen, wo mich seine Art störte. Dass er Teilnehmenden das Wort erteilte, ihnen dann aber umgehend in selbiges fiel. Dass er nicht moderierte, wenn zwei, drei, viele gleichzeitig sprachen. Und sein „Ich sollte das nicht sagen, aber …“. Ganz speziell war das beim Thema Gendern. Er erwähnte, dass er schon mal eine halbstündige Diskussion zum Gendern „an der Backe“ hatte, weil er wider besseres Wissen was „falsches“ gesagt hatte. Und dann:


Es wäre so leicht gewesen zu sagen: Es bleibt Ihnen überlassen, ob und wie Sie gendern, Sie dürfen aber nicht erwarten, dass andere das mitmachen. Ich behaupte: Niemand in der Gruppe hätte widersprochen. So aber gab es dann doch eine zehn minütige, für unser eigentliches Thema höchst überflüssige Diskussion.

Die Teilnehmenden
Wir sollten uns vorstellen und unsere Vorkenntnisse auf einer Skala von 1 (ahnungslos) bis 4 (Vollprofi) einschätzen. Alle gaben 2 an, bis auf eine, die das vor 20 Jahren gelernt hatte und auffrischen wollte (3), und mich (1). Die Männer waren allesamt noch im Studium oder gerade raus, drei der vier waren außerdem noch deutlich unter dreißig, und alle waren sehr frisch mit dem Thema in Berührung gekommen. Die Frauen standen seit Jahren im Berufsleben, einige hatten mehrere Projekte zugleich laufen, andere engagierten sich, ebenfalls seit Jahren, in ihrer Freizeit. Alle begleitete das Thema seit mindestens drei Jahren. Vor diesem Hintergrund fand ich die nicht vorhandenen Unterschiede in der Selbsteinschätzung außerordentlich bemerkenswert.
Es hätte eigentlich eine angenehme Gruppe sein können, wenn sie durchmischter gewesen wäre. Die Frauen hatten soziale Themen, die Männer eher lobbyistisch-politisch-wirtschaftliche. Ich hing irgendwie dazwischen, aber das bin ich ja schon gewohnt. Gleichzeitig war es mir beim Alter zu durchmischt. Angesichts der zwei Studenten fühlte ich mich wie damals in der Schule, als die Jungs die Lautheit ihrer neuen Stimmen noch nicht abschätzen konnten und – so kam und kommt es mir vor – ganz dringend das Bedürfnis hatten, zu beweisen, dass und wenn sie einen „Witz“ verstanden hatten.


Nervig fand ich, dass es immer wieder zu Privatgesprächen kam. Vor allem, wenn die unter den Männern stattfanden, die es irgendwie nicht für nötig hielten zu flüstern.
Nervig fand ich außerdem, wenn Nebenbemerkungen des Referenten kommentiert wurden. Auch das kam immer von einem der Männer.

Die Didaktik
Die Vorstellungsrunde war mehrschichtig. Erst stellten sich alle der Reihe nach vor, dann sagten alle der Reihe nach, welche Erfahrung sie haben, dann sagten alle der Reihe nach, was sie sich erhofften. Ich empfand das als unglaublich redundant. Sehr bemüht fand ich auch, dass wir Durchlauf 2 tabellarisch auf einem Flipchart festhielten und deshalb von der oder dem sich gerade Vorstellenden hauptsächlich die verrenkte Rückansicht wahrnahmen. Es kann natürlich sein, dass die Tafel im letzten, von mir geschwänzten Drittel noch mal vorgeholt wurde. Dann hätte das immerhin einen Sinn gehabt. Für mich war er nicht erkennbar und letztlich eine Verwendung von Papier und Tinte.
Das mit der Verschwendung ging weiter, als wir, jede_r für sich, Schlüsselbegriffe aufschreiben sollten, die uns zum Thema einfielen. Völlig logisch und vorhersehbar, dass es zu Doppel-, Dreifach-, Vielfachnennungen kam. Das wäre durch Gruppenarbeit und thematische Eingrenzung zu vermeiden gewesen. Und dass die, die am Ende der Runde saßen, nichts beitragen konnten, weil alles genannt worden war, war ebenfalls vorhersehbar.
Bei der Gruppenarbeit hatte ich dann noch deutlicher das Gefühl, dass Zeit geschunden wird. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, kann es aber auch sein, dass der Referent ein bisschen faul war. Jedenfalls: Wir sollten das, was wir bisher besprochen hatten, auf ein konkretes Beispiel anwenden. Dieses Beispiel sollten wir uns in der Gruppe selbst aussuchen. Das heißt, wir saßen zu dritt, zu viert im Kreis, suchten eine grobe Richtung, fanden ein Thema, verfeinerten es so, dass es einem realen Szenario einigermaßen nahe kam. Dann erst begann die eigentliche  Übung. Hätte der Referent die Themen selbst festgelegt, hätten wir alle eine halbe Stunde früher nach Hause gekonnt.
Eine ähnliche Geschichte bahnte sich für das letzte Drittel an, das ich mir unter anderem aus diesem Grund klemmte.

Fazit
Ich habe Einblick in einen Teilbereich eines Teilsbereichs eines weiten Feldes erhalten und dabei etwas gelernt. Es hätte mehr und besser sein können, aber für mich stehen der Ertrag und die Teilnahmegebühr in einem akzeptablen Verhältnis zueinander. Auch wenn das nach dem Gemecker so wirken mag – es war keine reine Zeitverschwendung für mich.
Was ich daneben mitnehme ist Verständnis für Menschen, die für sowas den zehnfachen Betrag investieren. Das würde ich nicht machen, weil ich eine Ahnung habe, wer dann da im Kurs sitzt, aber dennoch.
Verständnis habe ich außerdem dafür, wenn Frauen es vorziehen, solche Kurse als reine Frauengruppen zu besuchen. Das ziehe ich jetzt auch für mich in Erwägung. Da fände ich dann auch den zehnfachen Preis okay, wenn entsprechend mehr und besser gearbeitet wird.