Entscheidungen

Hier stand ursprünglich viel über eine Freundschaft, die ich beendet habe, und über meinen nicht vorhandenen Lebensentwurf. Plötzlich landete ich bei der Ex-Beziehung, und im Zusammenhang damit bei meiner nicht sonderlich gut ausgeprägten Bereitschaft, Entscheidungen zu treffen. Beim Schreiben kristallisierte sich heraus, dass es eigentlich nur um eine einzige Entscheidung geht, die sich vor einigen Wochen in meinen Kopf geschlichen hat und dort unausgegoren herumgeisterte.

Wenn ich zurückdenke, kann ich mich nicht erinnern, als Kind oder Jugendliche jemals das Gefühl gehabt zu haben, eine Wahl treffen zu können. Stattdessen wurde mir das absurde Vertrauen eingepflanzt, dass alles irgendwie vorbestimmt ist und sich fügen wird. Meine Wünsche zu erkennen und adäquat darauf zu reagieren, lerne ich noch immer. Pro/Con-Listen wie bei den Gilmores sind mir ziemlich fremd.
Dieses ungeplant ins Leben Hineinleben passt eigentlich nicht so richtig zu mir. Es tut mir nicht gut, keinen Entwurf für mich zu haben. Das Wissen, dass das so ist, ist schon länger da, aber lange hatte ich das Gefühl, dass mein Leben noch gar nicht richtig begonnen hat – dass mir eine Basis fehlt, auf der ich eine Richtung finden kann. Auch ohne aktiv Entscheidungen zu treffen, bin ich bisher gar nicht so schlecht durchs Leben gekommen. Ich habe mein Studium abgeschlossen, verdiene Geld und es gibt Menschen in meinem Leben, denen ich vertrauen kann, die für mich da sind und für die ich gerne da bin. Die Jobsituation ist immer mal wieder belastend, aber an der Stelle hilft das verrückte Vertrauen in Fügung usw., mir keine fürchterlichen Sorgen zu machen. Das ist viel wert.

Es gibt aber ein Thema, bei dem ich nicht einfach vertrauen kann, dass es sich fügt, sondern eine Entscheidung treffen muss: Kind kriegen. Mein Kinderwunsch ist – ganz realistisch betrachtet – rein hormonell bedingt und ziemlich stark. Lange habe ich ihn sehr erfolgreich beiseite geschoben, aber als die Beziehung ernst wurde, war auch Familienplanung ein Thema. Ich konnte mir erstmals vorstellen, ernsthaft über ein Kind nachzudenken, und mein Kinderwunsch wurde stärker. Unsere Überlegungen blieben abstrakt, da sich an der äußeren Situation (200km zwischen uns und keine Einigung auf einen gemeinsamen Wohnort in Sicht) nichts änderte. Es wurde zunehmend schmerzhaft für mich, und schließlich ließen wir die Gespräche darüber sein.

Jetzt bin ich wieder alleine. Demnächst werde ich 37. Allmählich wird mir bewusst, dass meine Chancen auf ein Kind sehr gering sind. Frauen, die bereits Mütter sind, sagen mir, das mit einem Kind geht schneller als man denkt. Frauen ohne Kinder sagen: Wenn du es wirklich willst, schaffst du es auch alleine, du hast doch Freunde. Und ich denke: Das hilft mir nicht.
Die Vorstellung, gut zwei Jahrzehnte lang für einen Menschen verantwortlich zu sein, finde ich reichlich beunruhigend. Die Vorstellung, mir den Rest meines Lebens Sorgen um einen Menschen zu machen, ebenfalls. Beides schaffe ich auf gar keinen Fall alleine, von der Alltagsscheiße mal ganz abgesehen. Eltern werden jetzt einwenden, dass die Sorge ganz unwichtig wird, sobald so ein Mensch erst einmal da ist. Ganz ehrlich: Auch das hilft mir nicht und ich will es nicht hören.

Was mir geholfen hat, war ein Gespräch mit einer, bei der ebenfalls klar war, dass es niemals einfach so passiert. Ich habe mich wiedererkannt, als sie davon sprach, wie sehr es schmerzte, mit fremden Kindern zu tun zu haben, oder mit erfolgreich Eltern Gewordenen über Kinder und Schwangerschaft zu sprechen. Und wie stark es verletzte, wenn Menschen, die ihre Situation kannten, blöde, unbedachte Sprüche machten. Ich fand es schön, wie sie sehr abgeklärt sagte, dass das Thema jetzt durch ist, und sie einverstanden damit ist.
Auch ohne jemals versucht zu haben, ein Kind zu bekommen, bin ich mir sicher, dass es auch mir besser geht, wenn es mir gelingt, das Thema als „durch“ zu betrachten – mit allen Konsequenzen und ohne die Option der Co-Mutterschaft im Hinterkopf. Das ist keine Verzweiflung, sondern eine realistische Einschätzung meiner Situation und meiner Möglichkeiten. Ich muss das für mich loswerden, um danach wieder offen zu sein, denn ich finde es ganz furchtbar, dass ich liebe Freunde gerade nicht sehen möchte, weil sie schwanger ist und ich mich nicht richtig mitfreuen kann.
Es ist mir schon einmal jahrelang gelungen, den Wunsch beiseitezuschieben, daher gehe ich davon aus, dass es mir jetzt auch gelingen wird. So lange, bis er verschwindet. Vielleicht muss ich dafür eine Zeitlang allzu stark ausufernde Gespräche über Kinder abblocken. Bestimmt muss ich lernen, die Kinder, mit denen ich eh nichts zu tun habe, zu ignorieren. Möglicherweise auch mal ein Kind wegschicken. Und ich muss die Idee aus meinem Kopf kriegen, dass mich das zu einem schlechten Menschen macht. Einen Anfang habe ich letzte Woche bereits gemacht: