Achduscheiße

Mir wurde ein Job angeboten, den auszuschlagen rational betrachtet total doof wäre. Emotional ist das was anderes. Meine Reaktion auf das Angebot hat mich sehr erschreckt.


Ich hänge an meiner Arbeit. So stressig und nervig alles manchmal ist, mache ich sie doch gerne. Nirgends sonst hätte ich so viel Freiheit und so viel Möglichkeit, etwas zu gestalten. Nirgends sonst könnte ich meine Fähigkeiten auf so vielen verschiedenen Gebieten einbringen. Und nirgends sonst träfe ich auf so viele interessante Menschen. Ein Traumjob, wäre da nicht die Unsicherheit mit der Finanzierung.
Die angebotene Stelle wäre, nach überstandener Probezeit, ziemlich sicher. Die Aufgaben dort wären andere, als ich jetzt habe, und ich habe auf dem Gebiet wenig Erfahrung. Aber mein zukünftiger Chef ist zuversichtlich, dass ich mich schnell einarbeite, und ich bin das eigentlich auch. Je mehr ich drüber nachdenke, desto interessanter erscheint es mir, mich auf dem Gebiet auszuprobieren. Außerdem sehne ich mich ja schon länger nach klar umrissenen Aufgaben, definierten Arbeitszeiten, mehr Kontakt zu Menschen von außen und nach Kolleg_innen. Karrieretechnisch betrachtet wäre die Stelle meine vielleicht letzte Eintrittskarte in die Sicherheit.
Sorgen macht mir, dass das eine Vollzeitstelle ist, denn ich glaube, ich bin für solches Arbeiten nicht geschaffen. Allerdings habe ich auch das Gefühl, dass dort weniger Druck herrscht, und vielleicht sind 40 gemütliche Wochenstunden besser auszuhalten als 20 unter Stress. Übers Finanzielle muss ich nicht nachdenken. Das ist jetzt schon okay und würde mit der neuen Stelle geradezu erschreckend gut.
Zur beruflichen Sicherheit käme die räumliche. Bis gestern rechnete ich damit, irgendwann nächstes Jahr in eine andere Stadt zu ziehen. Das ansich wäre keine Katastrophe, aber die Aussicht macht etwas mit mir. Ich hätte eigentlich ein paar Sachen in der Wohnung zu verbessern, denke aber immer, dass sich das doch eigentlich nicht mehr lohnt. Das ist nicht schön, dieses Denken wegzukriegen wäre toll.
Mir wurde gesagt, wir könnten versuchen, die Stundenzahl etwas zu reduzieren, dann könnte ich meinen jetzigen Job weitermachen. Weil ich weiß, dass ich mich nicht gut zwischen zwei gleichwichtigen Dingen zerteilen kann, denke ich darüber nicht weiter nach.
Während ich das hier schrieb, klärte sich einiges in mir. Eine Sache bleibt als sehr bemerkenswert zurück: Der zukünftige Chef ist nebenbei auch für meine jetzige Arbeit zuständig ist und eigentlich ist ihm sehr daran gelegen, dass ich die Arbeit weitermache. Er tut meiner alten Arbeit mit seinem Angebot nichts gutes. Ihm scheint meine Zukunft wichtiger zu sein als die Sache. Ich bin hingerissen von seiner Fairness und weiß jetzt: Sein Angebot nicht anzunehmen, wäre nicht nur unvernünftig. Es wäre dumm, dreist und arrogant.
Also werde ich mich nun um ein Zeugnis kümmern, mir noch ein bisschen was anlesen und zusehen, dass ich ein Vorstellungsgespräch hinlege, für dass sich keiner von uns beiden schämen muss.

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