Wie sehr es mich ankotzt

Mit dieser metoo-Debatte könntest du dich so gar nicht identifizieren, sagtest du. Dass du Catherine Deneuve voll zustimmst. Dass die Geschichten dich schon lange her seien, und die Sechziger seien nun mal eine andere Zeit gewesen. Und natürlich bist du der Meinung, dass es doch möglich sein muss, Komplimente zu machen.

Mir fiel in dem Moment wenig ein, was ich hätte sagen können. Ich war zu perplex. Eben noch erzählten eine Reihe von Frauen* von Situationen, in denen Männer* in unangemessener Weise mit ihnen oder über sie gesprochen hatten. Dann sagte der einzige Mann* in der Runde, er habe den Eindruck, momentan könne er nichts richtig machen. Und dann sprachst du.

Jetzt würde ich gerne was sagen. Ich würde dir gerne sagen, dass es einen Grund hat, dass die Welt nicht mehr ist wie in den sechziger Jahren. Menschen haben darum gekämpft, dass sich etwas ändert, und sie hatten gute Gründe dafür. Sie haben einiges geschafft, aber an einigen Stelle, unter anderem an der Schnittstelle zwischen Frauen* und Männern*, konnten sie nicht viel ändern. Anscheinend ist dir entgangen, dass #metoo nicht aufgrund von Fällen aus den sechziger Jahren zum Thema wurde. Und dass unter diesem Hashtag unzählige Erlebnisse geschildert werden, die sich außerhalb der Künstler_innenberufe ereigneten – dort, wo du und ich und viele andere Frauen* und Männer* leben. Anscheinend weißt du nicht, dass es bei #aufschrei, #metoo etc. um das Sammeln von Einzelfällen geht. Die Häufung der Einzelfälle macht einen Fehler im System deutlich: Frauen* werden häufig Opfer sexualisierter Gewalt und Machtausübung durch Männer* – auf physischer und/oder psychischer Ebene. Umgekehrt ist das seltener der Fall.

Es gehört offenbar dazu, dass früher oder später Männer* aus ihren Löchern kommen, die sich mitgemeint fühlen, sich über vermeintlich generalisierte Schuldzuweisung beschweren und sich beklagen, verunsichert zu sein. Sie werfen dabei Vergewaltigung, sexuelle Belästigung und doofe Anmache in einen Topf mit vermeintlichen Höflichkeitsgesten wie Komplimenten und Türenaufhalten. Sie lenken die Debatte weg vom männlichen* Fehlverhalten hin zur weiblichen* Wahrnehmung.

Und du springst voll darauf an. Du pflichtest bei, bezeichnest die Debatte als „übertrieben“ und verweigerst damit den Frauen*, die Belästigung, Missbrauch oder Vergewaltigung erlitten haben und darunter leiden, die Solidarität.

Was ist es, dass dich einem unreflektierten Mann* gegenüber so viel empathischer sein lässt als den Frauen*, die das Pech haben, etwas zu erleben, das du noch nicht erlebt zu haben das Glück hast? (Denn sehen wir es realistisch: Keine ist davor gefeit, dass ihr einer zwischen ihre Beine greift, ihre Brust anfasst oder vor ihr onaniert. Oder davor, dass mitten im fachlichen Gespräch plötzlich ihr Aussehen thematisiert, nach dem Familienstand und den Feierabendplänen gefragt wird.) Warum also fühlst du dich potentiell übergriffigen Männern* näher als denen, die dein möglicherweise zukünftiges Schicksal teilen und darum kämpfen, dass es auch dir nach einem solchen Ereignis besser ergeht als ihnen? Glaubst du, dass dir nichts passiert, wenn du lieb bist? Bist du so sehr angewiesen auf Komplimente?

Statt dem Mann* beizupflichten, hättest du ihm sagen können wo die Grenze ist:

Dass er einer Frau* im beruflichen Umfeld nichts sagen sollte, das er nicht auch einem männlichen* Vorgesetzten sagen würde. Und dass er mit ihr auf die gleiche Weise sprechen sollte, wie mit einem männlichen* Vorgesetzten.

Dass er im privaten Umfeld eine Frau fragen sollte, ob sie sich mit ihm unterhalten möchte. Und ein Nein ohne Diskussion akzeptieren.

Dass er keine Frau anfassen sollte, ohne zuvor geklärt zu haben, dass sie einverstanden ist.

Und – verdammt noch mal – dass er mit Zuhören und Nachdenken da auch von alleine drauf kommen könnte und er sich daher sein populistisches Rumgeheule sparen kann.

Oder ich sage es ihm, wenn sich die Gelegenheit bietet. Denn jetzt bin ich vorbereitet.