19. bis 25. Februar 2018

Nachdem ich am Sonntag meine Frau besucht und wir beieinander aufgetankt hatten, fiel ich erstmal in ein Loch. Vor dem Besuch war es mir schwer gefallen, mich auf mich zu konzentrieren – innerlich zelebrierte ich das Vermissen, äußerlich tat ich, was halt getan werden musste. Das konnte diese Woche nicht so weitergehen.

Ich vermisste sie immer noch, aber ich kniete mich nicht so tief ins Gefühl rein. Und ich lenkte mich durch intensive Beschäftigung mit Tommi ab. Der Köter ist eine stete Freude. Seit er sich auf den Hunderunden einen Großteil seiner Tagesration Futter erarbeitet, ist er viel besser auf mich bezogen. Während ich mich vor ein paar Wochen noch fragte, ob er eigentlich weiß, dass sich am Ende der Leine ein Mensch befindet, den er eigentlich mag, schaut er mich inzwischen unterwegs immer mal wieder an und nimmt Kontakt auf. Ich habe jetzt immer einen seiner Quietsche-Tennisbälle in der Tasche, die er sehr liebt. Mittlerweile hat er gelernt, den Ball nicht nur zu mir zu bringen, sondern gibt ihn mir sogar in die Hand und hat dabei eine Technik entwickelt, durch die der Ball nur noch sehr selten runterfällt. Es war eine Sache von wenigen Runden, bis er verstanden hatte, was ich wollte. Andere Übungen, die nicht so viel Spaß machen, lernt er leider nicht so schnell. Immer wieder baue ich Übungen zur Leinenführigkeit ein, an deren Ende wir beide der Frustration nahe sind. Vielleicht mache ich es zu selten, weil es auch mir keinen großen Spaß macht, vielleicht ist es aber auch die falsche Methode für ihn.

Am Samstag begann ich endlich, was ich mir schon lange vorgenommen hatte, und baute den Kleiderschrank im Kinderzimmer um. Das war ein elendes Gerödel, aber ich machte das in meinem Tempo mit kurzen und längeren Pausen in absurden Stadien des Fortschritts. Es war wunderbar chaotisch, kaum frustrierend und mir kamen währenddessen ein Dutzend neuer Ideen für die Wohnung.

Vertrauen

Ich vertraue unserem Hund, dass er, wenn er sich in der Nacht meldet, auch wirklich muss. Ich vertraue ihm, dass er mich nicht beißt. Ich vertraue ihm, dass er die Wohnung ganz lässt, wenn er alleine zu Hause ist.

Und trotzdem ist da manchmal ein kleiner Zweifel.

Ich vertraue Kind1, dass es im Straßenverkehr vorsichtig ist. Ich vertraue, dass es nicht bewusst lügt. Ich vertraue Kind2, dass es sich Mühe gibt, Dinge nicht kaputt zu machen. Ich vertraue beiden Kindern, dass sie alles so gut machen, wie sie können.

Und trotzdem ist da manchmal ein kleiner Zweifel.

Ich vertraue meiner Frau, dass sie ehrlich zu mir ist. Ich vertraue ihr, dass sie mich nicht betrügt. Ich vertraue ihr, dass sie alles tut, damit es uns gut geht. Ich vertraue ihr, dass sie bewusst niemals etwas tun würde, was mich verletzen könnte.

Und da ist kein Zweifel.

Ich möchte darauf vertrauen, dass meine Frau mir vertraut. Ich möchte darauf vertrauen, dass sie weiß, dass ich ehrlich zu ihr bin. Ich möchte darauf vertrauen, dass sie weiß, dass ich sie nicht betrüge. Ich möchte, dass sie weiß, dass ich alles tue, damit es uns gut geht. Ich möchte darauf vertrauen, dass sie weiß, dass ich bewusst nichts tun würde, was sie verletzen könnte.

Das alles muss ich mir erarbeiten, und das tue ich, indem ich ehrlich, nichts verschweige und nichts verstecke.

Als ich ihr mein altes Netbook voller Filme mit zur Reha gab, war mir bewusst, dass darauf außerdem noch E-Mails und Fotos aus meiner vorigen Beziehung sind. Ich habe sie nicht gelöscht, denn ich habe nichts zu verstecken. Ich vertraue darauf, dass meine Frau sie nicht gezielt öffnet. Und ich vertraue darauf, dass, wenn es versehentlich passiert, sie weiß, dass das Teil meiner Vergangenheit ist und mit unserer Realität nichts zu tun hat. Ich glaube, nur wer nicht mit der Vergangenheit fertig ist, macht sich den Aufwand und versucht, sie zu verstecken, zu löschen – ungeschehen zu machen. Wer abgeschlossen hat, integriert die Vergangenheit in die Gegenwart.

Und ich vertraue meiner klugen Frau uneingeschränkt, dass sie das weiß.

Regel und Abweichung

„Wer [hier eine Erkrankung einsetzen] hat, sollte darauf achten, weniger Salz/Zucker/schlechte Fette/Fleisch zu sich zu nehmen.“ Das ist der Standardsatz. Denn es ist normal, dass wir uns tendenziell ungesund ernähren.

Wer das nicht tut, fällt aus der Reihe. Immer noch. Ich war Grundschulkind, als meine Eltern die Ernährung umstellten. Weg von konventionell hin zu vollwertig und vegetarisch. Für mich war das schwierig, denn plötzlich gab es Gerichte, die meine Freund_innen nicht kannten. Grünkernbratlinge, Gerstenpastete, Fenchelauflauf. Die Lutscher hatten Holzstiele, die Gummibärchen leuchteten nicht, die Schokolade hatte eine komische Konsistenz und war auch zu Weihnachten tafelförmig. Die „normalen“ bunten, ultrasüßen Süßigkeiten wurden zu seltenen Highlights. Es hat mich nicht umgebracht, aber zur Außenseiterin gemacht.

Dreißig Jahre später gibt es unglaublich viele Produkte, die es relativ einfach machen, sich vegetarisch, vegan und/oder vollwertig zu ernähren. Aber es ist immer noch die Abweichung. Immer noch haben Menschen, die sich vegan oder vegetarisch ernähren, in Kantinen und Mensen das Nachsehen. Von drei Gerichten ist selten mehr als eines fleischlos.

Meine Großeltern zogen übrigens nach und stellten ebenfalls die Ernährung um. Nicht ganz so radikal, aber so, dass es für sie keine große Umstellung war, wenn meine Eltern mit uns Kindern zu Besuch waren. Es war klar, dass wir beim Mittagessen alle das gleiche essen würden – beim Frühstück und Abendessen stand neben vielen anderen Dingen auch Wurst auf dem Tisch.

Das scheint nicht die Regel zu sein. Wenn ich den Menschen um mich herum zuhöre, sind vegetarisch oder vegan Lebende eine Zumutung für jede_n Gastgeber_in. Welche, die sich zu wichtig nehmen, Umstände bereiten, eine Extra-Veggie-Wurst gebraten haben wollen. Auf die Idee, mal die diversen Rezepteseiten zu durchforsten und ein Gericht zu suchen, das vegan ist und allen schmeckt, kommen anscheinend die wenigsten.

Was für ein Trauerspiel. Dreißig Jahre sind vergangen. Zig Ernährungsdebatten wurden geführt, trotzdem hat sich der Kanon der Gerichte und ihrer Zusammenstellung kaum verändert. Und so bleibt es bei einer defizitorientierten Beschreibung von Ernährungsweisen: kein Fleisch, nichts Tierisches, weniger Salz. Wer die Ernährung nicht von sich aus umstellt, sondern auf ärztlichen Rat hin, wird zwangsläufig frustriert sein, scheint das kulinarische Leben doch künftig hauptsächlich aus Verzicht zu bestehen.

„Herzlichen Glückwunsch. Sie können essen, ohne sich groß Gedanken um die Inhaltsstoffe zu machen. Achten Sie nur darauf, dass es ausgewogen ist. Ihr Körper wird ihnen aber auch einen gelegentlichen Exzess nicht übel nehmen.“ Wie viele Menschen würden diesen Satz wohl zu hören bekommen?

Das mit den sozialen Netzwerken

Vor etwa zwei, drei, vier Wochen beschlossen meine Ehefrau und ich, das mit Twitter sein zu lassen. Weil einige Stimmen auf Twitter sich beklagten, dass Tommi in ihrer Timeline fehlen würde, richteten wir einen Dorfhund-Account ein, den wir seitdem gemeinsam befüllen. Ich begann, wieder regelmäßig zu bloggen und meinen Instagram-Account zu nutzen, der nicht öffentlich zugänglich ist.

Wir fühlen uns beide wohl mit der Situation. Es ist angenehm, nicht permanent mit der Schlechtigkeit der Welt konfrontiert zu sein. Unsere anderen Gründe, das Twittern sein zu lassen, waren weit weniger präsent als zuvor, aber nicht vergessen.

Das ist ein gutes Gefühl, aber es kann noch besser werden. Das geht nur durch völligen Rückzug aus den sozialen Netzwerken. Denn nur wenn ich aufhöre, Privates zu teilen, muss ich keine Angst mehr haben, dass ein Account, den ich für vertrauenswürdig halte, Fake ist oder spioniert. Ich mag diese Angst nicht. Sie macht kaputt, was ich mir über Jahre hinweg erarbeitet habe: Dinge abzuhaken und auf die Meinung der meisten anderen zu scheißen. Und das ist nicht gut.

Ich habe daher einen Entschluss gefasst: Mit Twitter und Instagram ist jetzt ausnahmslos Schluss. Was steht, steht, solange die Accounts nicht von den Anbietern gelöscht werden. Wer Tommi vermisst, kann sich aus dem Archiv bedienen. In zwei Jahren ist der Hund in jeder erdenklichen Situation und Lebenslage fotografiert und dokumentiert worden.

Was mit dem Blog passiert, weiß ich noch nicht genau. Das Bloggen tut mir gut. Es hilft mir, bewusster zu sein. Meine Gedanke und Gefühle zu sortieren und mich zu erinnern. Und Erinnern ist mir wichtig. Ich werde in den nächsten Tagen und Wochen hinspüren. Vielleicht finde ich eine Lösung.

12. bis 18. Februar 2018

Das war eine verteufelt anstrengende Woche. Ich schleppte mich durch zwei Arbeitstage, in denen mir immer noch die Vorwoche in den Knochen steckte. Ich war kaum in der Lage, den Pausengesprächen der Kolleg_innen zu folgen, geschweige denn, daran teilzunehmen. Es erschien mir alles so banal. Dann hatte einen Tag frei, an dem ich meine Ehefrau zur Reha verabschiedete, eine Bewerbung schrieb und versuchte, im Alleinsein anzukommen – das misslang gründlich. Zwei weitere Arbeitstage hielt ich mich irgendwie aufrecht. Es gelang mir sogar, den Hund einigermaßen auf seine Kosten kommen zu lassen. Samstag machten sich die unruhigen Nächte bemerkbar – ich habe nämlich nicht nur verlernt, für eine Person zu kochen, ich kann auch nicht mehr alleine gut schlafen. Ich hatte eigentlich einiges vor, aber die meiste Zeit lungerte ich rum. Sonntag besuchte ich meine Frau. Das war wunderschön.

Mir ist in dieser Woche etwas bewusst geworden: Seit wir zusammen sind, war ich noch nie froh, alleine zu sein. Selbst wenn meine Frau nur den Müll runterbringt, vermisse ich sie. Wenn sie da ist, fehlt mir nichts, wenn sie nicht da ist, kann nichts und niemand die Lücke füllen. Ich bin jetzt wie die Menschen, auf die ich früher neidisch war: Wer neu in mein Leben will, hat es schwer, wer raus will, kann gehen – und wer drin ist, muss zurückstecken. Während ich „zurückstecken“ schrieb, dachte ich, dass das doch reichlich fies klingt und ob ich denn wirklich so sein will. Dann schrieb ich irgendwelchen Kram, der sich auf meine Vergangenheit bezog und den ich wieder löschte, weil es Blödsinn ist, eine aktuelle Situation mit alten Kriterien zu bewerten. Meine Prioritäten sind richtig und gut für mich, so wie sie sind. Zuallererst kommen meine Frau und unser Familienleben. Dann meine Arbeit. Dass ich sie gerne mache, ist ein Bonus. Egal wie gerne ich sie mache, gehe ich nicht gerne hin, denn dafür muss ich meine Frau zurücklassen. Und nur äußerst selten nehme ich die Arbeit gedanklich mit nach Hause. Und das mit dem Zurückstecken ist halt so. Wollte ich das ändern, müsste ich an anderer Stelle Abstriche machen, und das will ich nicht. Und sehen wir es mal realistisch: Es ist erstens ein relatives Zurückstecken, denn früher hatte ich fast immer Zeit für andere. Und zweitens ist da eh kaum jemand übrig geblieben, die das zu spüren bekommt, es lohnt also gar nicht, darüber nachzudenken.