Neunzehnter bis fünfundzwanzigster Februar zweitausendsechzehn

Grundstimmung: Huch!

Es hat sich was geklärt. In mir und für mich. Ich habe verstanden, dass der Auslöser für meine Trennung nur vordergründig eine Enttäuschung war, die ich in all den Jahren schon mehrfach hatte. Tatsächlich war es aber diesmal die Begründung, die die Ex dafür hatte. Erstmals waren es keine unkontrollierbaren Umstände, sondern ich bzw. meine Rolle in unserer Beziehung, und zugleich schloss sie mich von der Problemlösung aus. Nach den Schuldgefühlen, der Einsamkeit und den Zweifeln, die mich in den letzten Wochen schier aus den Schuhen hauten, ist das eine wertvolle Erkenntnis. Ich weiß jetzt, warum ich nicht länger gekämpft habe, und kann aufhören mich zu fragen, ob ich es hätte tun sollen. Das tut gut.
Die Arbeit lief diese Woche erstaunlich gut. Zum einen war es eine kurze Woche, zum anderen wurde ich nicht unterbrochen bei dem, was ich machte. Ich grub das Ergebnis eines wichtigen Meilensteins aus, ließ das Ganze Revue passieren und freute mich, was mir da gelungen war. Außerdem hatte ich eine Besprechung, und etwas bisher völlig diffuses wurde etwas konkreter und erscheint nun um einiges weniger unschaffbar.


Ich hatte endlich mal wieder Besuch. Wir kochten, es war lecker und schön.
Die nächste Woche wird wild. Wunderbares folgt auf Schreckliches folgt auf Nervenaufreibendes. Ich hoffe, ich komme da heil durch.

Zwölfter bis achtzehnter Februar zweitausendsechzehn

Grundstimmung: Ich würde gerne 100 Jahre schlafen

Ich hänge durch. Oder fest. Jedenfalls: ich hänge. Ich hatte gehofft, mit dem Ende der Beziehung hätte ich wieder mehr Energie. Das Gegenteil ist der Fall. Ich schleppe mich irgendwie durch Feierabende und Wochenenden und bin zunehmend unzufrieden.


Ich wünsche mir die guten Zeiten zurück. Die, in denen ich dachte, ich könnte mit allem einverstanden sein und alle Schwierigkeiten überwinden. Die, in denen alles möglich schien, bevor ich Mut und Zuversicht verlor. Es fehlt mir, sie in meinem Leben zu haben. Wir haben viel geteilt, und ich finde es schrecklich, ihr Zeug nicht mehr mitdenken zu dürfen – es passiert mir immer noch, dass ich etwas lese und denke „oh, das ist wichtig für sie.“ Oder dass ich Klamotten sehe, die ihr gefallen würden, und denke … und dann den Gedanken wegschiebe.
Die Arbeit fühlt sich immer noch zu viel an. Das geht noch etwa zwei Monate so. Die mit Kränkeln erkauften Pausen machen es nicht besser.
Schön an der Woche war: Mein Fairphone ist nach Monaten des Wartens endlich angekommen. Das bedeutet auch, darüber nachzudenken, ob ich mich vom alten Handy und den darauf gespeicherten Nachrichten verabschieden kann. Ich kann es nicht. Ich brauche noch die Möglichkeit, in die Vergangenheit zurückzureisen, noch mal zu fühlen, was ich einmal fühlte – selbst wenn ich es wahrscheinlich nicht tun werde. Jetzt liegt es in der Schublade.
Die nächste Woche wird noch mal stressig. Und die übernächste auch, aber anders. Und die überübernächste … an die denke ich noch nicht.

Hassliebe

Ich glaube, ich muss mal sagen, dass ich meine Arbeit eigentlich sehr gerne mache. Sie ist gut für einen kleinen, aber erlesenen Kreis von Menschen, die begeisterungsfähig sind, neugierig, dankbar. Diese Menschen haben Ecken und Kanten, sie können echt anstrengend und anspruchsvoll sein, und das nicht zu unrecht. Umso schöner ist es, dass sie mir vertrauen – und zwar wirklich mir persönlich.
Meine Vorgänger waren etwa zwei Jahre da, meine Vorgängerin nicht mal eins. Ich bin diejenige, die diesen Job jetzt am längsten macht, die das Gesicht des Ladens prägt. Die vielen Chefs und Chefinnen, die ich habe, sind im Hintergrund, geben die grobe Richtung vor. Ich kann Vorschläge die Details betreffend einbringen, und die meisten werden dann auch akzeptiert. Anderes mache ich einfach ohne große Diskussionen. Das Ding ist wirklich meine Arbeit.
Was nervt, ist das Drumherum. Eingebunden zu sein in ein Umfeld, das eine ganz andere Ausrichtung hat, ganz andere Ziele verfolgt, das nicht versteht, wie ich denke und was ich den ganzen Tag mache. Und die Unsicherheit, die Hangelei von einem Jahresvertrag zum nächsten. Das schlaucht. Hinzu kommt, dass noch immer die Konditionen gelten, zu denen ich vor sieben Jahren angefangen habe, während die Arbeit mehr geworden ist.

Gehen, was anderes suchen, nur weil die Bedingungen nicht gut sind, kann ich nicht. Auch wenn ich manchmal wirklich sehr, sehr, sehr frustriert bin.
Ich hatte zwei Vorstellungsgespräche. Das erste war sehr erfolgreich. Die wollten mich wirklich. Es gab eine Reihe vernünftiger Gründe, die Stelle nicht anzunehmen, vor allem aber gab es einen emotionalen: Ich wollte meinen Job nicht aufgeben.
Die andere Stelle, auf die ich mich beworben hatte, wäre als Zweitjob gegangen. Aber das Bewerbungsgespräch lief komisch, und ich ging als gute Zweite aus dem Rennen. Nach kurzer Enttäuschung erkannte ich, dass das eigentlich ganz gut war. Denn ich hätte es niemals geschafft, beide Jobs gut zu machen, und eigentlich hatte ich mich auch nur beworben, um die Unsicherheiten auszugleichen. Mein Bauch wusste das wohl vor mir und hat mich dummes Zeug reden lassen. Guter Bauch.

Und nun? Nun werde ich einfach weitermachen. Abwarten, was sich ergibt. Die Chancen, dass die Umstände besser werden, stehen fünfzig zu fünfzig. Die Chancen, dass diese besseren Umstände mich glücklich machen, auch. Was ganz schön wenig ist.

Aber gehen? Nein. Das geht noch nicht.

Fünfter bis elfter Februar zweitausendsechzehn

Grundstimmung: Achduscheiße²
Es ist zu viel Arbeit. Viel zu viel. Und es geschehen drumherum Dinge, die ich nicht verstehen kann. Über die sich alle ärgern, wegen denen es ständig Streit gibt und die trotzdem nicht geändert werden. Wenn kein Wunder geschieht, war zwar ein großer Teil meiner Arbeit nicht umsonst, führt aber nicht zu dem Ergebnis, das ich angestrebt hatte – bzw. das andere mir anzustreben aufgetragen hatten. Ich trage keine Schuld, aber ich muss es vor vielen Menschen – wichtigen Menschen – diplomatisch erklären. Das ist scheiße.
In all den Stress platzte der ehemalige Mitarbeiter, den ich – trotz Schokoladenkuchen – direkt wieder wegschickte. Bei ihm werde ich mich demnächst kniefallend entschuldigen müssen. Wenn ich aufgehört habe, mich über ihn zu ärgern.
Etwas habe ich gelernt, während des Schreibens an eigentlich ziemlich langweiligen Texten, das mich überrascht hat:
Es scheint während des Zweiten Weltkriegs Vereine gegeben zu haben, die sich um deutsche Soldaten, die sich in amerikanischer Kriegsgefangenschaft befanden, kümmerten und ihnen unter anderem Musikinstrumente verschafften. Ich staune und freue mich, zu was Menschen fähig sind.

Gut ist: Ich lese wieder mehr.
Nicht so gut ist, dass ich jetzt mehrere Nächte in Folge von der Ex geträumt habe. Beim Zurückscrollen in meinem Twitteraccount habe ich eine mögliche Erklärung dafür gefunden:

Die Wohnung der Ex dünstete einen eigenartigen Geruch aus, der sich in allen Sachen festsetzt. Sowohl die Bettdecke wie auch der Bezug haben diesen Geruch fünf Jahre lang in sich aufgenommen, dagegen hat eine Wäsche nicht geholfen. Im Traum weiß ich, dass wir getrennt sind, die Ex aber nicht, was mich an den emotional schwierigsten Punkt der ganzen Geschichte zurückbringt. Wach bereue ich aber nichts, das war schon richtig so.

Trotz allem Stress, Ärger, Frust. Ich weiß, dass ich es ziemlich gut habe. Also geht es mir auch gut. Basta.

Ich hab da so ein Gefühl

Das habe ich schon ganz schön lange und es geht einfach nicht weg. Zuerst ist es mir aufgefallen, als ich meine Magisterarbeit abgegeben hatte und meinen Arbeitsrückstand aufholen musste. Als das geschafft war und wieder meine gewohnten halben Wochen arbeitete, trat es in den Hintergrund. Da durfte es sein, das war okay. Die Hoffnung, dass ich es einmal nicht mehr haben würde, war stärker.

Dann entwickelte sich auf Arbeit etwas, hinter dem ich nicht stehen konnte. Andere hatten etwas beschlossen, mich, die das alles machen musste, fragten sie nicht. Meine Bedenken wedelten sie weg wie lästige Fliegen. (Ich sehe, wenn ich daran zurückdenke, tatsächlich hauptsächlich abwinkende Hände vor mir.) Mit dieser Situation trat auch das Gefühl wieder in den Vordergrund.
Ich versuchte, gut auf mich zu achten, meine Freizeit sinnvoll zu gestalten (auch auf dem Sofa liegen und Serien gucken kann sinnvoll sein, wenn es das ist, was gerade dran ist!) und einigermaßen bewusst durch den Tag zu gehen.
Dann wurde die Beziehung schwierig. Auch hier fühlte es sich an, als würden Entscheidungen an mir vorbei getroffen. Schließlich sah ich nur noch einen Punkt, den ich selbst entscheiden konnte: Die Beziehung weiter so laufen zu lassen oder sie zu beenden. Ich beendete sie, und damit setzte ein komisches Gemisch sich gegenseitig neutralisierender Gefühle ein. Ich war traurig und froh, ängstlich und mutig, verzweifelt und zuversichtlich. Ich bereute und war gleichzeitig stolz.

Und jetzt? Ohne eine Beziehung, um die ich mich sorgen kann, ist die Arbeit viel stärker präsent als zuvor. Sie bestimmt, wie ich mich fühle. Und weil alles so geblieben ist, wie es war, sind die guten Gefühle verschwunden, die schlechten geblieben.

Ich fühle mich überarbeitet, überlastet und überfordert. Aber das geht vorbei. In ein, zwei, drei Monaten kehrt – nach über einem Jahr – endlich wieder Normalität ein.
Ich fühle mich zu wenig unterstützt, mein Engagement zu wenig geschätzt. Aber das bin ich, so traurig das klingt, nach sieben Jahren inzwischen gewöhnt. Und ich weiß, wo ich Lob und Anerkennung erhalten kann, wenn ich es brauche.
Ich bin traurig, manchmal verzweifelt und habe Zukunftsangst. Das ist okay, das kenne ich, das geht vorbei. Und wenn nicht, weiß ich, wo ich hingehen kann.
Ich fühle mich fremdbestimmt. Das ist das eigentlich schlimme. Alle meine Versuche, selbst etwas zu steuern, sind gescheitert. Und das hat mich trotzig werden lassen. Nicht bewusst trotzig, sondern so, dass ich mich wirklich sehr anstrengen muss, nicht versehentlich die Arbeit zu verweigern oder etwas zu sagen, das ich nicht mehr zurücknehmen kann. Das ist schlimm, das macht mir Sorge. Und ich habe keine Ahnung, was ich dagegen tun kann.

Neunundzwanzigster Januar bis vierter Februar zweitausendsechzehn

Grundstimmung: Achduscheiße.


Nach einem letztlich doch nicht so unproduktiven Tag im Homeoffice vergnügte ich mich endlich mit den Regalbrettern, die schon viel zu lange herumstanden. Sie stehen immer noch rum, jetzt mit Konsolen dran, also noch mehr Platz wegnehmend. Egal, wird schon.
Der Sonntag begann mit einer kleinen Hörstörung, der ein fetter Tinnitus folgte. Obwohl er am Abend sehr leise und am nächsten Morgen kaum noch hörbar war, war ich am Montag Vormittag erstmal bei meiner HNO-Ärztin. Medizinisch war das unspektakulär. (Ein kleiner Hörsturz ohne Auswirkungen aufs Gehör, aber weil es ja nicht das erste Mal ist, wird demnächst der Hörnerv getestet.) Auf emotionaler Ebene war der Vormittag dagegen sehr herausfordernd.


Im Nachhinein ärgere ich mich, weiß aber auch nicht so richtig, was ich hätte besser machen können. Ihn reden lassen? Vielleicht, aber dann hätte ich mich nicht besser gefühlt, sondern nur anders mies. Weiter diskutieren? Es ist unwahrscheinlich, dass ich ihn irgendwie hätte erreichen können. Aber es wäre gut gewesen, ihm nicht so viel Angriffsfläche zu bieten. Das hätte bei ihm zwar auch nichts geändert, vielleicht aber an meinem Gefühl danach. Ich gehe davon aus, dass ich noch sehr viele Gelegenheiten haben werde, das zu üben.
Die Arbeit war frustrierend wie seit Monaten. Ich bin jeden Tag froh, dass ich es noch merke. Meine Möglichkeiten, etwas dagegen zu tun, sind nach wie vor begrenzt. Zwischenzeitlich kam mir der Gedanke, was passieren würde, wenn ich längerfristig krank wäre. Ob dann jemand eine Lösung herbeizauberte, an die bislang niemand gedacht hat, weil kein akuter Bedarf bestand. Oder ob es dann einfach nicht mehr weitergeht.
Im Bereich Softwareprogrammierung gibt es den Begriff Busfaktor. Die Zahl dazu besagt, wie viele Mitarbeiter von einem Bus überfahren werden müssten, damit ein Projekt hinüber ist. Da wo ich arbeite, beträgt er 1. Das ist scheiße.
Trotz allem Gejammer hatte die Woche sogar zwei Highlights. Das eine ist, dass der Staubsaugerroboter nicht nur sehr niedlich aussieht, sondern auch ziemlich gut funktioniert – inkl. Ecken, Kanten und wieder unterm Bett hervorkommen.
Das zweite ist mein Vater, der sich von allen anderen Verpflichtungen losgerissen hat, um meine Einladung ins Konzert anzunehmen – inkl. gemeinsamer Zugfahrt und Hotel. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so viel Zeit mit ihm verbracht zu haben. Außer vielleicht bei einem meiner zahlreichen Umzüge.

Herausforderung der nächsten Woche: irgendwie alles schaffen.