Irgendwann im April 2017 bis Mitte Juni 2017

Die Abstände zwischen meinen Einträgen werden länger. Bald kann ich hier dicht machen, glaube ich. 

Es liegen bewegte, anstrengende, sorgenvolle und schöne Wochen hinter mir. Und vor mir auch. In der Wohnung stehen noch immer Kartons herum. Ich konnte mich zwar von einigen Dingen trennen, aber es ist immer noch zu viel Kram für zu wenig Platz, es muss mehr weg, aber ich weiß nicht was. Vernünftigerweise sollte ich mich von den vielen Ordnern mit Literatur aus dem Studium trennen – es ist unwahrscheinlich, dass ich noch promovieren werde. Auch die Nähmaschine werde ich vermutlich nicht mehr benutzen, wenn ich endlich die Vorhänge gekürzt habe, und was die Unmengen an Büchern angeht, von denen ich, wenn ich sie ansehe, denke, dass ich sie doch gerne lesen würde, wenn ich nur Zeit hätte …

Zeit ist – neben Geld – das rarste Gut in meinem Leben. Der Mangel an beidem ist (wieder) neu für mich. Zeit ist vor allem knapp, weil ich endlich wieder Arbeit habe. Dort, wo ich von Anfang an hin wollte, bin ich jetzt Projektleiterin, habe nette Kolleg_innen, ein gutes Umfeld – und einen Fuß in der Tür. Das ist schön. Es machte mir sehr zu schaffen, dass ich anfangs (gefühlt) eine Absage nach der anderen kassierte. Tatsächlich waren es nur zwei, und die an einem Ort, wo ich während des Vorstellungsgesprächs bereits gemerkt hatte, dass ich da nicht reinpasse. Die anderen, die mir abgesagt hatten, riefen an, als ich gerade alle Unterlagen für den jetzigen Job eingereicht hatte, und fragten, ob ich noch verfügbar sei.
Es ist anstrengend, nach fünf Monaten freier Zeiteinteilung wieder pünktlich aus dem Haus gehen zu müssen. Mein Zug fährt stündlich, da ist kein Spielraum, wie ich ihn von den Großstädten her kenne. Das stresst mich, und ich hoffe, dass ich mich daran noch gewöhne. 
Die Arbeit ist nicht so interessant und abwechslungsreich wie in Dresden, aber das ist momentan auch ganz gut so. Ich arbeite an einem Projekt, das vor mir schon andere betreut haben, und allmählich habe ich das Gefühl, dass die größte Herausforderung darin besteht, zu verstehen, was sich wer wobei gedacht hat. 

Belastend ist für mich immer stärker das Nicht-Verhältnis zu meiner Familie. Meine Eltern haben ihr Haus verkauft – ich konnte es nicht noch mal sehen und mich verabschieden, weil der Dorfhund dort keine Pfote reinsetzen darf und ich trotzig war und sinngemäß „ganz oder gar nicht“ gesagt habe. Ich hatte insgeheim gehofft, dass sie nachgeben – haben sie nicht. Zum Thema Eltern schreibe ich seit Monaten einen Beitrag immer wieder um. Ich glaube nicht mehr, dass ich ihn jemals veröffentlichen werde. 
Ich vermisse meine Schwester, die ich eigentlich nicht mag, aber eine gemeinsame Kindheit verbindet eben doch. Und ich vermisse meine Oma, die ich viel zu lange nicht gesehen habe, und die anzurufen ich Angst habe, weil telefonieren mit ihr so schwierig ist und ich sie nach dem Tod meines Opas nicht angerufen habe, einfach weil es nicht ging. 
Und weil das alles nicht reicht, stressten Menschen, die ich für Freunde hielt, plötzlich rum. Nachdem sie fast ein Jahr lang alle meine Kontaktaufnahmen ignorierten und meine Fragen, ob etwas zwischen uns nicht stimmt, verneinten, beschweren sie sich plötzlich, dass ich weggezogen bin, ohne mich von ihrem Kind zu verabschieden. Und Twitterinnen, von denen ich dachte, sie seien uns wohlgesonnen, fangen aus heiterem Himmel an, gegen die Dorffrau zu hetzen, was ich durchaus persönlich nehme. 
Und zwischen all dem, was je nach Tagesform mal traurig und mal wütend macht, gibt es dann die Lichtblicke. Die Dorfkinder, die sich immer besser bei uns eingewöhnen und auch mir ihre Zuneigung zeigen. Der Dorfhund mit seinen Clownereien. Freundschaften, die Entfernungen und Zeiten des Nichtkontakts überstehen. Und die Dorffrau, die mich liebt, wie ich bin, und die ich liebe – genau so wie sie ist. 

Achtzehnter Februar bis irgendwann im April zweitausendsiebzehn 

Grundstimmung: orrrrrrruffff

Seit ich das letzte Mal gebloggt habe, ist viel Zeit vergangen und es ist viel passiert. So viel, dass ich im Rückblick einiges übersehen werde. Um einigermaßen fokussieren zu können, brauche ich für diesen Eintrag eine Einteilung in Themenbereiche. Ich beginne mit der derzeit größten Baustelle: unserer

Gesundheit

Nachdem die Dorffrau und ich den Herbst und große Teile des Winters beide erkältungsfrei überstanden hatten (sie dank wasserdichter warmer Treter, ich dank regelmäßiger Frischluft), steckte ich mich bei Dorfkind2 an und verbrachte viel Zeit mit Rumliegen, Husten und mich hundeelend fühlen. Die Dorffrau versorgte und pflegte mich, und als es mir besser ging, erwischte es auch sie. Es vergingen zwei Wochen, in denen wir husteten und uns dabei zwar elend fühlten, aber trotzdem taten, was zu tun ist. Dann waren die Dorfkinder wieder da, und Dorfkind2 war ordentlich verrotzt. Diesmal steckte sich die Dorffrau bei ihm an, und ich übernahm den Schnupfen und die zugehörigen Kopfschmerzen von ihr.


Als ich, einigermaßen genesen, das Haus zur morgendlichen Hunderunde verließ, raste der Dorfhund plötzlich los. Ob er eine Amsel oder einen Schatten auf seiner Netzhaut jagen wollte, oder ob er versuchen wollte, mich in eine Richtung zu zwingen, wird immer unklar bleiben. Klar ist, dass es klug ist, in einer solchen Situation die Leine so schnell wie möglich loszulassen (er bleibt dann ohnehin vor Schreck stehen). Ich tat das nicht, und die Leine rutschte mir so ungünstig durch die Hand, dass mein Ringfinger umgebogen wurde und eine Woche lang geschient sein musste. Mir war bis dahin gar nicht klar, wie häufig ich ihn benutze, aber insbesondere beim Hantieren mit meinen Kontaktlinsen kommt er unfassbar häufig zum Einsatz, und wenn ich für irgendetwas Kraft brauche, ist es auch nicht hilfreich, wenn ein Finger abgespreizt ist.


Dann hatte die Dorffrau Sehstörungen, die so lange anhielten, dass auch sie einsah, dass es sinnvoll wäre, da mal jemanden draufschauen zu lassen (ich bin bei sowas grundsätzlich schneller), und kurz darauf hatte sich noch eine behandlungsbedürftige Zahnfleischentzündung.
Als wäre das nicht genug, kommen dazu noch die üblichen Nebenwirkungen eines Umzugs: Rücken- und Schulterschmerzen, Muskelkater, allgemeine Schlappheit und Stress, geklemmte Finger, Dinge, die auf Füße fallen, Splitter. Es nervt, dass ständig irgendwas ist und wir uns nicht vernünftig auskurieren können. Wir sind momentan gezwungen, normal zu funktionieren, egal wie es uns geht – Vorstellungsgespräche zu absolvieren, Kartons auszupacken, Möbel auszusuchen, zu transportieren und aufzubauen, anzudübeln. Das kann nicht gut sein, aber anders geht es nicht.

Unsere neue Wohnung

Wir zogen unsere zwei Haushalte mit etwa sechs Wochen Zeitabstand um. Das ergab sich so, und stellte sich im Nachhinein als gar nicht mal so blöd heraus. Nicht nur hatten wir dadurch wesentlich weniger Kartons und Möbelstücke gleichzeitig herumstehen, als es mit knapper aufeinanderfolgenden Umzügen der Fall gewesen wäre, und konnten die bereits ausgeräumten Kartons direkt weiterverwenden. Wir hatten auch weniger geballten Stress und konnten uns leichter mal eine Pause verschaffen. Ich glaube, wenn alles auf einen Schlag hier gestanden hätte, wäre ich verrückt geworden.
Die zweiwöchentlichen Besuche der Kinder bremsen uns immer wieder aus, weil wir vor ihren Besuchen alles abgestellte Gerödel aus ihrem Zimmer herausräumen und auch den Rest der Wohnung einigermaßen kindersicher machen müssen, um anschließend wieder alles vorzukramen. Im Aufräumfieber landen immer wieder Dinge, die noch keinen festen Platz haben an teils absurden Orten, wo wir sie dann oft nur zufällig wiederfinden. Das ist wenig effektiv und widerstrebt mir, aber momentan geht es tatsächlich noch nicht anders. Das Schöne an den Besuchen der Kinder ist (außer, dass sie da sind), dass wir dann für einige Tage eine Wohnung haben, in der wir nicht ständig über Kartons steigen müssen und auf Werkzeug treten, und dass wir einige Tage lang guten Gewissens die Kartons ignorieren können.

So langsam wir sind – es geht doch voran. In den vergangenen Wochen waren wir unzählige Male im Baumarkt und bei Ikea. Stück für Stück entsteht eine gemütliche Wohnung um uns herum. Die Dorffrau hat eine Wand im Wohnzimmer rot gestrichen, davor stehen weiße Möbel. Die Wahl der Möbel ergab sich aus den Faktoren: Wie viel Platz brauchen wir, Was haben wir bereits und Was können wir uns leisten und dem Merksatz: Es muss keine Dauerlösung sein. 

Sorgen bereiten uns die Zimmerdecken. Es dauerte Wochen, das Gardinenschienensystem für den Duschvorhang an der Decke befestigen. Mit meiner einfachen Bohrmaschine kitzelte ich einige Millimeter Putz von der Decke, und dann war Schluss. Da half weder Hammerschlag noch ein neuer Bohrer. Und auch mit Schwiegervaters stärkerer Bohrmaschine kam ich nicht weiter (später entdeckte ich einen verheißungsvollen Schalter an der Maschine, aber bevor ich es damit noch mal versuchen konnte, war das gute alte Stück im Wortsinn verraucht). Erst die Hilti, mit der Schwiegervater gleich einem Ritter in strahlender Rüstung angeritten kam, schaffte die drei sehnlichst gewünschten Löcher.

Es klappt vieles nicht so, wie wir uns das vorstellen. Teilweise hat es ganz klar damit zu tun, dass wir vorher nicht genug nachgedacht haben, falsch messen oder allgemein zu optimistisch sind. Anderes ist einfach Pech, und insgesamt sieht das alles oft aus wie ein frustrierend großer Haufen Mist.

Die alten Wohnungen

Meine alte Wohnung habe ich Ende Februar übergeben, nachdem ich sie von einem Maler hatte weißen lassen. Mir war ein bisschen mulmig vor der Übergabe, denn in den acht Jahren hatte ich dort ausführlich gelebt – was nunmal nicht ganz spurlos geht – und die Hausverwaltung hatte sich mehrfach als unberechtigt kleinlich und mit der Zeit berechenbar inkompetent erwiesen. (Unvergessen bleibt der Brief, in dem mir zunächst ein Anliegen abschlägig beschieden wird und ich im Folgenden gebeten werde, dafür zu sorgen, dass meine Mietzahlung pünktlich zum dritten Werktag eines Monats auf dem Konto ist. Beigefügt war eine Liste meiner Zahlungen der letzten ca. 20 Monate. Ich machte mir natürlich die Mühe, es nachzuprüfen: Alle Eingangsdaten, die nach dem dritten Tag eines Monats lagen, fielen spätestens auf den dritten Werktag. Ich wertete diese Aktion als eine Warnung: Nervst du uns, triezen wir dich.)
Die Übergabe wurde durch den Hausmeisterservice abgewickelt. Zu zweit gingen sie durch die Wohnung und wiesen sich gegenseitig auf mögliche Mängel hin, wobei einer fotografierte und der andere den Vordruck ausfüllte. Meine angebrachten Einwände, das sei bereits so gewesen, winkten sie beiseite. Wenn das so sei, stünde das ja in meinem Protokoll von vor acht Jahren, und überhaupt seien sie nur dafür zuständig, die Mängel aufzunehmen, die Bewertung geschehe durch die Hausverwaltung. Es ist geschickt, beides von unterschiedlichen Personen durchführen zu lassen. Jede Partei kann auf die jeweils andere verweisen und bedauernd die Schultern zucken. Noch geschickter (und in meinem Fall natürlich so geschehen) ist es, die abgebende und die entgegennehmende Übergabe durch verschiedene Personen mit unterschiedlichen Funktionen und Hintergründen machen zu lassen – die Maklerin, die mir damals die Schlüssel überreichte und ein Protokoll der Mängel erstellte, schaute viel weniger genau als die Hausmeister und übernahm einiges nur ins Protokoll, weil ich ausdrücklich darauf bestand.
Die Auswertung der Hausverwaltung fiel dann auch wie erwartet aus – es sei Farbe von Rahmen und Fußleisten entfernen, Schraublöcher in Türrahmen zu schließen, Fenster zu putzen. Ich schaute ins alte Protokoll und auf den Merkzettel zur Übergabe, rief an und gestand, das mit den Fenstern übersehen zu haben, aber der Rest stehe doch als Mangel bereits im alten Protokoll …? Es stellte sich heraus, dass die Mängelliste erstellt worden war, ohne das alte Protokoll hinzuzuziehen. Das sei mit acht Jahren so alt, dass es bereits im Archiv liegt und deshalb nicht mehr zugreifbar ist. Ich verkniff mir mein Kichern und alle spitzen Bemerkungen und wir kamen überein, dass ich die Kosten für die Fensterreinigung durch den Hausmeister trage, mein Exemplar des Protokolls scanne und maile, und die Sache damit erledigt ist.

Damit könnte alles vorbei sein. Ist es aber (wahrscheinlich) noch nicht. Ich schickte meine Mail und bat um eine kurze schriftliche Bestätigung unserer Vereinbarung. Die kam nicht, also bestätigte ich den Auftrag an den Hausmeister nicht. Das war mir viel zu riskant. Als die Frist zur Nachbesserung längst abgelaufen war, erhielt ich einen Anruf der Maklerin, die für die Neuvermietung zuständig war. Sie hatte am Vortag die Wohnung übergeben und noch eine Frage zur Ausstattung. Als ich fragte, was denn mit den Fenstern sei, erfuhr ich, dass ich ja erst vor wenigen Tagen meine Mail geschrieben habe (ach so?), dass die Nachmieter_innen das jetzt so akzeptieren (wie schön) und dass aber die Dusche doch katastrophal aussehe und ich demnächst noch mal einen Anruf erhalten würde (na super). Mal abgesehen davon, dass die Dusche meines Erachtens völlig altersgemäß aussah, erhielt ich bisher weder einen Anruf noch wurde mir auf anderem Wege mitgeteilt, dass bzw. ob da noch was offen ist. Ich stecke zwischen Sorge, ob da noch was kommt, und Erleichterung, dass bis jetzt nichts gekommen ist, und schwanke zwischen Nachhaken und Aussitzen. Zum Glück biete die neue Wohnung ausreichend Ablenkung, und die Erfahrung zeigt, dass Aussitzen bei der Hausverwaltung nicht die falscheste Entscheidung ist.

Die Wohnung der Dorffrau ist nun auch übergeben. Dort mussten wir zum Glück nichts mehr machen außer ein bisschen sauber, weil sie ja beim Einzug komplett renoviert und sogar den Boden erneuert hatte. Ich bin heilfroh, dass das erledigt ist und zumindest diese eine Belastung nur noch als Erinnerung wirkt.

Das Dorf

Nach gut zwei Monaten hier hält sich mein Gefühl, dass wir es ziemlich gut getroffen haben. Für ein Dorf ist die Infrastruktur toll. Es gibt einen Bahnhof, diverse Ärzte, seit neuestem eine Apotheke mit angenehm langen Öffnungszeiten, einen Buchladen und einen Optiker. Nur wenige Straßen von unserer Wohnung entfernt sind die üblichen Verdächtigen unter den Lebensmittel- und sonstigen Discountern angesiedelt, außerdem auch ein gut sortierter Lebensmittelnichtdiscounter, was mir sehr wichtig ist. Das Dorf hat außerdem eine Post, die mehr als drei Stunden am Tag geöffnet ist, eine Eisdiele, die sich auch in einer Stadt gegen Konkurrenz behaupten könnte, und mehrere Schnellimbisse mit Lieferdienst, die mich allerdings bisher nicht überzeugen konnten.

Die Dorfbewohner_innen wirken größtenteils angenehm. Die schnelle Hunderunde gerät hier oft länger, weil viele der anderen Hundebesitzer_innen zum Quatschen aufgelegt sind. Daran habe ich mich noch nicht gewöhnt, aber irgendwie finde ich es schön. Unsere Outings waren bislang unspektakulär – es scheint, als dürften wir hier einfach so sein. Uns wurde bereits im Vorfeld gesagt, dass das hier ein sehr homofreundliches Dorf ist, und ich finde es wunderbar, dass sich das so bestätigt.

Auch sonst mag ich die Menschen hier insgesamt. Ich hatte ein schönes Erlebnis beim Arzt, als im Wartezimmer ein Gespräch entstand, im Verlauf dessen ich mehrfach ausländerfeindliche Äußerungen erwartete – die aber nicht kamen. Nachdem ich mich fertig gefreut hatte, überlegte ich, seit wann ich bei mir unbekannten Menschen Rassismus als Grundeinstellung erwarte, und kam zu dem Schluss, dass das in Dresden eingesetzt hat. Ich weiß nicht, ob das direkt mit der Stadt zu tun hat oder damit, dass während ich dort lebte die Zeitungen Kommentarspalten für ihre Onlineausgaben einrichteten – ob diese Verschiebung meiner Einschätzung also an jedem Ort hätte passieren können. Jedenfalls bin ich froh, dass es hier Menschen gibt, die dem etwas entgegensetzen.

Ich

Es geht mir gut. Ich bin glücklich. Und ich bin unfassbar erschöpft und besorgt. Hatte ich zu Beginn unseres Umzugs noch ziemlich viel Energie, hänge ich inzwischen gewaltig durch. Es fühlt sich nach mehr als nur Müdigkeit an. Ich bin sehr schnell sehr nervös und gereizt. Wegen Kleinigkeiten – momentan vor allem, wenn etwas im Weg ist bei dem, was ich gerade mache, oder wenn ich etwas nicht finde – schlägt mein Herz plötzlich komisch, meine Hände zittern und ich werde fahrig. In solchen Momenten ist mir alles zu viel, und ich würde das, was gerade stört, am liebsten direkt in die Mülltonne befördern. Außerdem bin ich allgemein zur Zeit sehr vergesslich und unachtsam. Nachdem mein Handy am Ladekabel hängend auf den Stecker gefallen war, weil ich nicht gut aufgepasst hatte, bog ich den krummen Stecker, statt ihn einfach so zu lassen oder das Kabel zu entsorgen, im Handy wieder gerade. Dabei zerstörte ich nicht nur den Stecker, sondern auch die USB-Buchse am Handy. Das wäre, da ich ein Fairphone habe, bei dem einzelne Komponenten auswechselbar sind, nicht schlimm. Nur ist gerade diese Komponente ausverkauft. Außerdem ließ ich den Akku meines Netbooks sich tiefentladen, obwohl ich mehrfach bemerkte, dass es Strom braucht, und mein im Freien stehendes Fahrrad übersah ich einige Regentage lang, so dass die Lenkerschrauben Rost ansetzten. Das entspricht mir eigentlich nicht, und es gefällt mir nicht.
Früher habe ich, wenn ich überarbeitet war, ein, zwei Wochen Urlaub genommen und mich mit etwas anderem beschäftigt habe. Oder indem ich mich voll auf die Lösung des drängendsten Problems konzentriert habe. Beides geht jetzt nicht. Ich kann nicht nichts tun, wenn sich um mich herum die Arbeit türmt und schon gar nicht, wenn die Dorffrau dann alleine weitermacht. Und die Problematik mit der Wohnungseinrichtung ist zu komplex und umfangreich, als dass ich ausreichend Kraft mobilisieren könnte, um das wegzuackern. Es ist nunmal nicht in drei Tagen zu schaffen, und davon abgesehen kann ich auch die Dorffrau nicht einfach übergehen. Ich sehe derzeit keine andere Lösung, als langsam und stetig weiterzumachen, dabei sinnvolle Prioritäten zu setzen und immer wieder Pausen einzulegen.

Wir zwei

Wir wohnen ja eigentlich schon seit dem Herbst zusammen – damals halt in zwei Wohnungen und mit viel Fahrerei sowie dem ständigen Gefühl, Verpflichtungen nicht ausreichend nachzukommen. Wir wussten also, dass wir das prinzipiell können. Jetzt bestätigt es sich. Auch unter diesen stressigen Umständen sind wir sehr harmonisch miteinander, und wenn es doch mal rappelt, fangen wir uns meistens schnell wieder. Keine von uns neigt dazu, übermäßig nachtragend zu sein, und beide wollen wir diese Beziehung und das Leben miteinander wirklich, also finden wir gemeinsam Wege. Es ist ziemlich genau so, wie ich es mir gewünscht habe.

Wir alle

Es tut uns gut, an den gemeinsamen Wochenenden nicht länger in einer Einzimmerwohnung aufeinanderzuhocken. Zuletzt war es vorgekommen, dass Dorfkind1 sich ins Treppenhaus zurückgezogen hatte, weil das neben dem Badezimmer der einzige Ort zum Alleinsein war. Jetzt haben die Kinder ein eigenes Zimmer mit einem Etagenbett, bei dem Dorfkind1 die Herrscherin über die obere Etage ist. Waren sie bisher immer nur für einen Tag und maximal eine Nacht bei uns, bleiben sie jetzt immer mindestens zwei Nächte lang. Dank unserer lieben Follower_innen auf Twitter haben die beiden jetzt jede Menge Spielzeug, Bücher, CDs und Gesellschaftsspiele, so dass die Langeweile enorm abgenommen hat. Ich finde es vor allem toll, dass sie jetzt auch mal eine Sache doof finden können, ohne dass dadurch die verbleibende Auswahl spürbar schrumpft. Etwas nicht zu mögen ist etwas ganz normales, und ich finde, Kinder sollten lernen können und dürfen, dieses Gefühl zu erkennen und auszudrücken.

Ich bin unendlich froh, dass wir uns inzwischen so gut verstehen. Von Dorfkind2 fühlte ich mich beim ersten Besuch der beiden hier sehr abgelehnt und ich habe mir große Sorgen gemacht, dass das so weitergeht. Aber mittlerweile kommen auch wir gut miteinander zurecht.
Dorfkind1 ist mir gegenüber schon ziemlich lange sehr zugewandt. Sie kuschelt sich spontan bei mir an, lässt sich von mir trösten und neulich war sie damit einverstanden, dass ich anstelle der Dorffrau zu ihr ins Etagenbett steige und sie in den Schlaf kuschle. Was für ein Geschenk!

Bisher war mein Umgang mit Kindern so, dass ich sie habe zu mir kommen lassen. Vor einigen Monaten bereits bekam ich den Rat, selbst auf sie zuzugehen und ihnen damit zu zeigen, dass ich mit ihnen zu tun haben will. Und was soll ich sagen – auch von Dorfkind2 bekomme ich ein Gutenachtküsschen, wenn ich danach frage.

Und was auch super ist: Dorfhund und -kinder kommen inzwischen auch sehr gut miteinander aus. Er ist weniger eifersüchtig, sie weniger ängstlich und etwas rücksichtsvoller.

Der Dorfhund

ist unter den Hundebesitzer_innen im neuen Dorf inzwischen bekannt wie ein bunter Hund und wegen seiner Verträglichkeit mit anderen Hunden und seiner Liebe zu Menschen mit Leckerchen in den Taschen auch ausgesprochen beliebt.

In der Anfangszeit hier im Dorf zog er enorm an der Leine. Das hatte er vorher zwar auch getan, aber zuletzt nicht so stark. Wenn ich jetzt zurückdenke, erinnert es mich an seine erste Zeit in Dresden. Damals zerrte er ebenfalls sehr stark und schien vollkommen zu vergessen, dass am anderen Ende seiner Leine ein Mensch hängt. Vielleicht lag es also an der fremden Umgebung. Weil es so anstrengend war, mit ihm normale Hunderunden zu gehen, gingen wir mit ihm auf eine große Wiese, wo wir ihn nach kurzer Zeit auch ohne Leine laufen ließen. Das ging einige Wochen gut, dann hörte er nicht mehr. Als ich ihn rief, schaute er hoch und bewegte sich kein Stück in meine Richtung, als ich zu ihm ging, lief er weg, und als ich mich vor ihm versteckte, dauerte es mehrere Minuten, bis er sich zu mir bequemte. Das war das Ende seines komfortablen Lebens. Seitdem bekommt er sein Futter nur noch beim Spaziergang aus der Hand. Eine Zeitlang fühlte es sich tatsächlich so an, als wäre das eine geeignete Erziehungsmethode. Mittlerweile müssen wir uns eingestehen, dass wir ihn eigentlich nur bestechen. Er lernt sehr schnell, was er tun muss, um Futter zu erhalten. Wenn er nichts bekommt, lässt er es wieder. Eine Konditionierung scheint bei ihm nicht stattzufinden.

Die Arbeit

Gibt es nicht, aber vielleicht bald wieder. Diesbezüglich ist aber, außer dem Willen meiner potenziellen Chefin, mich einzustellen, nichts spruchreif.

Dafür darf ich fleißig beim Arbeitsamt antanzen. Nach dem ersten Termin, der eher lächerlich war, bestellte mich das Dresdner Arbeitsamt noch einmal ein. Der Termin lag aber nach unserem Umzug und fiel deshalb aus. Der Termin beim neuen Arbeitsamt war weit weniger lächerlich als der in Dresden. Meine Sachbearbeiterin trug erstmal alles nach, was die Kollegin übersprungen hatte – und das war fast alles. Sie schätzte meine Situation auch weit weniger gut ein – eine Erkenntnis, zu der ich nach einigen erfolglosen Bewerbungen bereits ebenfalls gekommen war – und kündigte an, dass das Integrationsteam einen Termin mit mir machen werde. Das war frustrierend, zugleich fühlte ich mich aber auch einigermaßen gut aufgehoben.

Elfter bis siebzehnter Februar zweitausendsiebzehn

 

Grundstimmung: Huiiiiorrrrrrrrrr!

 

Die Blogwoche begann mit einem Kinderwochenende – dem ersten in der neuen Wohnung. Wir hatten es in den Tagen davor irgendwie geschafft, das Zimmer bis auf ein paar Regalbretter in einer Ecke und unterm Bett frei von Gerödel zu machen, hatten das Spielzeug der Kinder ausgepackt (wobei vor allem Dorfkind2 das sicher auch gerne selbst erledigt hätte – seit die beiden beim letzten Besuch die bereits eingepackten Sachen wieder aus dem Karton holen durften, scheinen Umzugskartons auf ihn eine ganz spezielle Wirkung zu haben) und drapiert, ein bisschen dekoriert und waren für den Anfang ganz zufrieden. Den Kindern gefiel es auch. Es scheint für die zwei Kleinen ebenso entspannend zu sein wie für uns Große, eine Tür zwischen uns haben zu können. Und auch für den Dorfhund ist es wunderbar, dass er sich aus dem Trubel zurückziehen kann.

Wir verbrachten eine schöne Zeit miteinander. Die Kinder erkundeten die Wohnung – vor allem das Klavier hatte es beiden angetan. Wir hatten ein Liederbuch für die beiden besorgt, und so klimperten und sangen wir uns durch die Klassiker. Dorfkind2 saß staunend auf dem Schoß seiner Mama, Dorfkind1 saß auf meinem Schoß und schaute mir sehr genau auf die Finger.

Später buken Dorfkind1 und ich zusammen Muffins. Sie maß sehr sorgfältig die Milch ab und verrührte alle Zutaten mit dem Schneebesen, ohne zu spritzen oder kleckern. Ich mag dieses kleine Mädchen sehr und genieße es, mit ihr Zeit zu verbringen.

Zu viert gingen wir mit dem Dorfhund auf die Wiese hinterm Haus. Ich glaube, das war das erste Mal, dass die beiden ihn auf so großer Fläche ohne Leine erlebten. Fasziniert sahen sie zu, wie er seine Maussprünge machte und hinter der Frisbee herflog. Ich staunte, wie souverän Dorfkind1 mit dem Hund umging, und wie vergleichsweise vorsichtig er sich ihr gegenüber verhielt. Er machte keinerlei Anstalten, sie anzuspringen, und sie konnte ihn dazu bringen, Sitz zu machen, bis sie bereit war, sein Spielzeug für ihn zu werfen. Da beeindruckte mich sehr. Als wir uns wegen Trotz, Neugier und Konsequenz in vier Individuen teilten und die Abstände zwischen uns vergrößerten, war es spannend zu sehen, dass der Dorfhund das trotz aller Geschäftigkeit bemerkte und uns alle vier umkreiste.

Die Nacht war unerwartet ruhig. Die Dorffrau und ich hatten beide damit gerechnet, dass mindestens eins der Kinder bei uns im Bett landen würde. Genau genommen hatte ich mich schon darauf eingestellt, im Kinderbett zu schlafen. Dass es dazu nicht kam, war eine wunderbare Überraschung.

Das Wochenende war schön und sehr anstrengend. Wir sind noch dabei, unsere Regeln zu entwickeln – und die Leitlinien, wie streng sie durchzusetzen sind. Und ich muss gut aufpassen, sie nicht zu stark unterschiedlich zu behandeln. Dorfkind1 ist mir derzeit viel näher als ihr Bruder. Sie kuschelt mit mir, sagt mir, dass sie mich lieb hat, und scheint mich voll akzeptiert zu haben. Dorfkind2s Lieblingswort ist derzeit „nein“. Er spricht so lange nicht mit mir, bis er etwas von mir will – ein Lob, Kekse, die Taschenlampe. Dann kann er zuckersüß sein. Eine Zeit lang konnte er mich damit erreichen, mittlerweile aber nicht mehr. Sie loten beide ihre Grenzen aus – er frech grinsend, sie verschwörerisch lächelnd. Ihr, habe ich gemerkt, lasse ich das eher durchgehen als ihm. Was unfair ist und so natürlich nicht geht.

 

In der darauffolgenden Woche schafften wir nicht viel in der Wohnung. Es standen Termine an, und ich fühlte mich zunehmend schlapp und angeschlagen. Seit ich Dienstag Abend Halsschmerzen hatte und Mittwochfrüh völlig verschleimt aufgewacht bin, liege ich im Bett und hoffe, dass die Dorffrau sich nicht ansteckt.

Dreizehnter Januar bis zehnter Februar zweitausendsiebzehn 

Grundstimmung: schwankend zwischen hoffungsvoll-energiegeladen und verzweifelt-müde

Es sind einige Wochen vergangen, seit ich das letzte Mal gebloggt habe. Zeit, die die Dorffrau und ich zum Runterkommen nach dem turbulenten Jahresende genutzt haben, um gleich darauf auf Hochtouren zu kommen und umzuziehen. 

Die Packerei in Dresden fühlte sich bereits stressig an, aber es war noch Zeit für lange Hunderunden, Treffen mit Freunden und einen Museumsbesuch. Was vor uns lag, übertraf alle Erwartungen und Befürchtungen.
Den Umzug machte ein Unternehmen. Bei der Wahl ließen wir uns von dem Eindruck leiten, den der jeweilige Besichtiger hinterließ. Der am verbindlichsten wirkende, der auch sowas sagte wie „gelernter Möbeltischler“ und „Klavier – da brauchen wir natürlich einen Spezialisten“, überzeugte uns beide. Dass die Geschäftsadresse zugleich seine private Wohnadresse war, ging mir erst später auf, als ich den Auftrag bereits erteilt hatte. Dass bei solchen Bedingungen nicht zu erwarten ist, dass eine Handvoll Reservekartons dabei ist – so weit dachte ich nicht. Das Ausräumen der Wohnung ging mit vier Kräften zügig von statten. Ich fand es ein bisschen ärgerlich und eklig, dass einer der vier einen blutenden Kratzer nicht versorgt, sondern Schmierspuren an einigen Dingen hinterlassen hat, war aber insgesamt zufrieden. Auf der Autobahn überholten wir den LKW relativ bald. Entsprechend lange warteten wir in der leeren Wohnung, dass die Männer mit dem Zeug ankommen.
Als es soweit war, dämmerte es bereits. Die Männer waren nur noch zu zweit und teilten sich so auf, dass der Chef unten auslud, die Kartons gestapelt auf einem Rollbrett zur Tür fuhr und der andere sie hoch trug. Zu Beginn des Einräumens hatten wir gesagt, dass alles unklar beschriftete ins Kinderzimmer soll – letztendlich landete dort fast alles, bis der Raum so voll war, dass wir ihn kaum betreten konnten. Hinter und zwischen den zu vieren übereinandergestapelten Kartons standen kleinere Möbel, lagen Regalbretter und lehnten Gardinenstangen. Wir saßen im Wohnzimmer, versuchten, den Männern Kekse und Kaffee anzudrehen und schwankten zwischen mitfühlendem Staunen über die körperliche Leistung und Ärger über das Chaos. Da das Mitfühlen in uns beiden stärker war, sagten wir nichts. 


In den Tagen darauf bemerkten wir beim Auspacken ein paar Schäden, aber nichts Gravierendes – etwas Schwund gehört dazu und dreimal Umgezogen ist wie einmal abgebrannt. 
Irgendwie – ich staune noch immer, wo wir die Kraft dafür hernahmen – erledigten wir am Tag nach dem Umzug einen größeren Ikea-Einkauf. 


Das Chaos in der Wohnung verbesserten wir damit nicht im Geringsten, aber ohne zwei weitere Schränke hätten wir in der Küche nichts Sinnvolles machen können. Als wir abends wieder im Durcheinander saßen und völlig erschöpft waren, obwohl wir das Auto nicht mal ausgeräumt hatten, wurde uns klar, dass wir Hilfe brauchen. Also rief ich meinen Vater an, der ohne zu zögern zusagte, uns seine Arbeitskraft und Kreissäge zur Verfügung zu stellen. Ich hatte das kaum zu hoffen gewagt, denn er hat mir auch in Dresden beim Küchenbau geholfen, und wirkte damals nicht so, als wolle er das auch nur ansatzweise wiederholen. Aber er kam, und auch wenn ihn das Chaos gewaltig stresste, brachte uns seine Unterstützung einen großen Schritt weiter, und was er nicht schaffte, erledigte zwei Tage später der Vater der Dorffrau. 
Ab den Väterbesuchen ging es aufwärts. Der Elektriker kam, schloss den Herd an und bereitete den Backofen so vor, dass wir nur noch den Stecker reinstecken mussten. Wir freuten uns über den neuen Kühlschrank, hängten den kleinen Küchenschrank auf, begannen Kartons auszupacken und weihten das Induktionskochfeld ein.

Wir räumten die noch nicht auspackbaren Kartons ins Wohnzimmer, bauten mit Hilfe einer Freundin das Etagenbett für die Kinder auf, trugen endlich die Matratzen, die tagelang im Auto gelegen hatten, in die Wohnung, bezogen die Betten und verteilten das Spielzeug der Dorfkinder in der kleinen Kommode, die mich bereits seit meiner Kindheit begleitet. Dann schleppten wir jede Menge Zeug, für das wir momentan keine Verwendung haben, in den Keller, räumten das Werkzeug auf und näherten uns peu à peu einer kinderbesuchstauglichen Wohnung. 
Als krönenden Abschluss zirkelten wir noch den Backofen in den dafür vorgesehenen Schrank, jubelten triumphierend – und stellten fest, dass er zwei Millimeter zu hoch sitzt, um die Schranktür darüber ordentlich zu bewegen. Ihn wieder rauszuholen, stellte uns vor einige Schwierigkeiten, weil das Kabel zu kurz war, um den Ofen komplett rauszuziehen, und der Stecker am Gerät in  einem Klickmechanismus saß. Wir ächzten und eselten, ich holte mir einige blaue Flecken und Muskelkater und die Dorffrau eine tiefe Kerbe im Oberschenkel, als sie den Ofen minutenlang darauf balancierte, damit ich irgendwie an die Rückseite kommen konnte. Aber letztendlich schafften wir es. (Notiz mein zukünftiges Ich, das den Ofen ausbauen will: Die Klickverbindung ist am Gerät und muss auseinandergezogen werden.) 


Zusätzlich zu dem, was ohnehin nach einem Umzug zu tun ist, hielt die Wohnung noch einige weitere Späße für uns bereit. Die Mitarbeiter der örtlichen Gas-Wasser-Scheiße-Firma besuchten uns quasi täglich – und sei es nur, um ein Teil an seinen vorgesehenen Platz zu halten und zu sagen: „Nee, das passt nicht. Muss ich bestellen.“ Der Knaller war eigentlich, dass in der als „saniert“ bezeichneten Wohnung der gemeinsame Abfluss von Badewanne und Waschmaschine gebrochen und mit Klebeband repariert war. 

Zwischen diesem Trubel absolvierte ich noch ein Vorstellungsgespräch. Mir war, als ich die Ausschreibung las, nicht klar gewesen, dass „Teamleitung“ die hauptsächliche Aufgabe sein würde und dass es dort offenbar nur ein (entsprechend großes) Team gibt. Ab dem Punkt im Vorstellungsgespräch, wo mir aufging, dass ich nicht nur nicht für die Stelle geeignet bin, sondern sie eigentlich auch nicht will, wurde ich entspannter. 

Ich hoffe, mir nichts verbaut zu haben. Es ist eine weitere, für mich passendere Stelle ausgeschrieben, auf die ich mich beworben habe, und darüber hinaus sieht es erstmal nicht so wahnsinnig gut aus mit Stellen in erreichbarer Entfernung. 

Ansonsten warte ich noch aufs innerliche Ankommen. Obwohl die neue Wohnung voll ist mit den Möbeln und Dingen, mit denen ich mich in den letzten Jahren umgeben habe, habe ich noch nicht so recht realisiert, dass ich jetzt hier wohne. Ich mag die Wohnung und fand mich in ihr, glaube ich, schneller zurecht als die Dorffrau, aber das ist weniger einem Zuhausegefühl geschuldet als meiner Eigenart, mich allgemein schnell in fremden Wohnungen sicher zu bewegen. 

Zu guter Letzt kam in der vergangenen Woche mal wieder mein Troll aus seinem oder ihrem Loch gekrochen. 

Ihre oder seine Versuche, mich an der Dorffrau und unserer Liebe zweifeln zu lassen, fruchteten bisher nicht und werden auch in Zukunft nicht fruchten. Wir sprechen über die verschiedenen Arten von Abhängigkeiten und ebenso über unsere Zweifel und Ängste. Sie schreibt nichts, worüber wir nicht bereits gesprochen hätten, und ihre Tweets lösen in mir keine neuen Zweifel oder Ängste aus. Entsprechend können es auch die kleinen Sticheleien des Trolls nicht. Was allerdings nervt, ist das Rätseln, wer dahintersteckt. Inzwischen würde ich nicht einmal mehr ausschließen, dass es jemand aus dem Umfeld der Ex ist. Es wäre nicht das erste Mal, dass jemand etwas für sie tut. Die Website, die irgendein selbsternannter „Retter in der Not“ ihr ohne Absprache zurechtgefummelt hat, steht immer noch online. Dass sie es selbst ist, halte ich für unwahrscheinlich. Der Troll versteckt sich zwar nur mit mit einfachen Mitteln, aber selbst die anzuwenden ist sie meines Erachtens nicht versiert genug. 
Jedenfalls habe ich den letzten Angriff zum Anlass genommen, die Bedingungen fürs Kommentieren auf meinem Blog zu verändern, und ich hoffe, dass sich das Problem damit erledigt hat. 

Sechster bis zwölfter Januar zweitausendsiebzehn 

Grundstimmung: wow – Achduscheiße – wow

Die Blogwoche verlief schnell und unspektakulär. Nachdem eine Freundin noch mal drübergeschaut und einige Verbesserungsvorschläge gemacht hatte, schickte ich meine erste Bewerbung ab. Ich habe jetzt einen – wie ich momentan noch finde – sehr schönen Text, den ich als Gerüst für weitere Bewerbungen nutzen kann. Es sind zwei weitere Stellen in der Region ausgeschrieben. Alle entsprechen nicht annähernd meinem Traumjob, aber den zu finden, erwarte ich auch momentan nicht. Ich wünsche mir vor allem Stabilität im Arbeitsumfeld, und die kann ich trotz Befristung bei allen drei Stellen erwarten. 

Außerdem habe ich versucht, online meinen Antrag auf ALG1 zu stellen und bin schier verzweifelt. Ich weiß nicht mehr, ob mir in dem seltsamen Beratungsgespräch gesagt worden war, wie das geht und was ich brauche. Ich erinnere mich hauptsächlich daran, dass sehr viel am Thema vorbei gesprochen wurde, und dass mir vor lauter Aufregung keine Fragen zum Thema eingefallen sind. Ein persönlicher Besuch auf dem Amt brachte Klarheit. Vor allem die, dass ich bei künftigen Beratungsgesprächen mitschreiben und die Beschäftigung mit Unangenehmem nicht elendig weit aufschieben sollte – es wird nämlich noch unangenehmer, sobald Zeitdruck hinzukommt. 

Im Ex-Erstjob sind sie anscheinend noch immer damit beschäftigt, eine Unterschrift unter mein von mir verfasstes Zeugnis zu setzen und es in einen Umschlag zu stecken. In meiner Fantasie ändern sie es außerdem zum Negativen. Unterschwellig bin ich in Alarmbereitschaft. Mein Honorar für einen kleinen Zusatzauftrag wurde – gut vier Wochen nach der sofort fälligen Rechnung – noch immer nicht überwiesen. Auch das macht mich nicht unbedingt entspannter. 

Mit dem Besuch eines Umzugsmenschen, der uns ein Angebot gemacht hat, ist der bevorstehende Umbruch um einiges näher gerückt – emotional wie zeitlich. Beides ist gut. Es ist an der Zeit, dass es endlich losgeht. Und dass ich aus diesem komischen Dresden wegkomme. Die Stadt hat mir einige Zeit sehr gut getan, sie hat mich zu mir kommen lassen, ich bin ruhiger und souveräner geworden. Aber sie und die – sagen wir mal: Ureinwohner – sind mir fremd geblieben. Permanent drängten sich mir die Folgen einer völlig verklärten Stadtgeschichte auf – in Form von Menschenketten, Brücken, Demonstrationen und Tourist_innen, die vor den natürlich nachgedunkelten Sandsteingebäuden stehen und „Schau, da siehst du noch, wie schlimm es damals gebrannt hat“ raunen. Und dann sind da diese Menschen mit ihren befremdlichen Haltungen. Die, die montags auf die Straße gehen, und die, die sich selbst überhöhen, indem sie Rassismus, Homophobie und ähnliches als normal und verständlich klassifizieren und sich selbst davon freisprechen. Das ist das sogenannte Bürgertum, und dem ist nicht beizukommen. Ich habe es satt, für diese Menschen Entschuldigungen zu suchen – auch um sie vor mir selbst zu relativieren. Ich weiß, dass mir auch in Niedersachsen menschenverachtende Haltungen begegnen werden. Aber die Leute kann ich dann wenigstens gepflegt und genau so undifferenziert wie sie scheiße finden. 

Schön und erdend waren die Schneespaziergänge mit dem Dorfhund. Er wirkte noch besser gelaunt, als er es ohnehin schon ist, tänzelte, sprang, rannte und spielte mit anderen Hunden. Das Rausgehen tut mir gut, und ich glaube, in der Auseinandersetzung mit ihm habe ich bereits einiges gelernt. 
Nächste Woche erhalten wir den Schlüssel zur Wohnung, dann beginnen wir mit dem Kistenpacken und dann – irgendwann – hoffentlich bald – kehrt zumindest räumlich Ruhe ein. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich mich darauf freue. 

Dreiundzwanzigster Dezember zweitausendsechzehn bis fünfter Januar zweitausendsiebzehn

Zweitausendsiebzehn. 2017. Achduscheiße. Die Zeit rennt, es kommt unglaublich viel auf uns zu. Immer schneller. Nur noch etwa sechs Wochen, dann wohnen wir in unserer gemeinsamen Wohnung. Außer einem zerknitterten Mietvertrag (eine der weniger gravierenden Unüblichkeiten in der Wohnung der Dorffrau ist der zu kleine Briefkasten) gibt es noch nichts Greifbares, das es für mich real anfühlen lässt.

Umso wichtiger ist es für mich, noch einmal zurückzublicken. Vor drei Wochen hatte ich meinen letzten Arbeitstag im Erstjob. Es war nichts davon zu spüren, dass das nach acht Jahren tatsächlich mein letzter Tag sein würde. Ich leitete meine Mails auf das allgemeine Postfach um und löschte meinen Account, nahm den Stiftehalter, den eine Kollegin mir geschenkt hatte, meine Tastatur und Maus und den Blumenstrauß, den die Dorffrau mir ins Büro geschickt hatte, und verschwand. Einen Ausstand gab ich nicht. Das wollte ich eigentlich im Januar machen, aber bisher war mir nicht danach.

Und dann war Heiligabend. Weil ich in den Wochen zuvor nur sehr wenig Zeit gehabt hatte, zog ich am Vormittag los, um Geschenke zu kaufen. Ich wusste, was ich wollte und wo ich es bekommen würde. Und zu meinem Erstaunen waren Straßen und Geschäfte leer. Sogar im Supermarkt (wo ich keine Geschenke, sondern die üblichen vergessenen Kleinigkeiten kaufte) war nichts los.
Unser Heiligabendabend war wunderschön. Es gab ein unspektakuläres Abendessen, wir sahen fern, hörten kitschige Musik (und sangen mit) und schenkten uns schöne Dinge. Ein besonders schönes Ding bekam die Dorffrau von Twitter, weshalb sie ihre Twitterpause beendete. 


Den ersten Feiertag verbrachten wir mit Packen und Autofahren, um den zweiten Feiertag mit den Kindern zu verbringen. Mit Hilfe des Opas verdoppelten wir den Spielzeugbestand, und obwohl die Kinder sich auch vorher nicht bei uns gelangweilt haben, habe ich den Eindruck, dass es ihnen gut tut, mehr Auswahl zu haben. 

Die Tage zwischen den Jahren verbrachten wir in Ruhe – abgesehen von einem Inspirationsbesuch bei Ikea und Ärger mit dem Vermieter der Dorfwohnung. Ich versuchte Bewerbungen zu schreiben, aber da ich frühzeitig feststellte, dass die Frist für die als nächstes fällige Bewerbung großzügig verlängert worden war, ließ ich es bald wieder sein. 

Silvester verbrachten wir ebenfalls mit den Kindern. Wir schmückten die ganze Wohnung mit Luftschlangen, was der Dorfhund nicht so richtig toll fand, es gab reichlich zu knabbern und Kinderwein für alle. Über Dinner for one konnten wir alle kichern und die Große zählte die Stolperer über den Tigerkopf. Später machte sie mit mir einen Spaziergang durchs Dorf, weil sie Raketen sehen wollte. 


Um Mitternacht lagen wir alle längst in unseren Betten und ich war gerade eingeschlafen. Die Große wurde geweckt, damit sie sich das Feuerwerk ansehen konnte, und nach zehn Minuten schlief sie wieder. 
Das neue Jahr ließen wir mit einem ausgedehnten Frühstückspicknick beginnen. Ich finde es zwar etwas nervig, wenn die Kinder beim Essen herumlaufen, aber so essen sie wenigstens was. Und ich finde es auch doof, sie zum Stillsitzen zu verdonnern. Wir hatten wieder eine sehr schöne Zeit miteinander, in der ich einmal mehr spürte, wie tief ich die beiden bereits ins Herz geschlossen habe. Und sie scheinen mich auch nicht ganz doof zu finden und mir zu vertrauen, was ich als ein großes Geschenk empfinde. 

Zurück in der Stadt erwartete uns eine kalte Wohnung und mich allerlei zu tun. Ich muss jetzt wirklich Bewerbungen schreiben. Und ALG1 beantragen. Meine Unterlagen in Ordnung bringen. Einen Maler finden, der die Wohnung nach dem Auszug weißt. Ein Umzugsunternehmen finden, das bezahlbar ist und vertrauenswürdig wirkt. Und dann sind da noch ein paar unerwartete Dinge. Der Kühlschrank, der eigentlich mit uns umziehen sollte, hört nicht auf zu kühlen, also muss ein neuer her. Ich habe eine Zahlung, die letztes Jahr fällig war und mit der ich gerechnet habe, nicht erhalten. Die Hausverwaltung will meine Wohnung schon diesen Monat besichtigen lassen. Und ich bin so unfassbar müde und erschöpft, dass ich am liebsten den ganzen Tag rumliegen würde, wofür mir aber wegen dem Allerlei-zu-tun die Ruhe fehlt. Ich weiß, es wird alles gut. Aber vorher wird es erstmal unglaublich stressig. 

Erster Januar bis einunddreißigster Dezember zweitausendsechzehn 

Das Jahr begann für mich damit, dass ich mit zwei twitternden, alles und jede_n um sie ignorierenden Frauen an einem Küchentisch saß, der um Himmels Willen bloß keine Flecken bekommen durfte, und mir dachte, dass ich fürs stumm Rumsitzen und ins blaue Licht gucken nicht hätte verreisen müssen, weshalb ich dann doch fragte, ob wir uns nicht mal ein schönes neues Jahr wünschen wollen, was dann auch gnädig getan wurde. Dieses Festival der einsamen Herzen war der Auftakt einer Reihe von Unternehmungen, mit denen ich mich nach der Trennung von der Ex meiner Freiheit und meiner Eigenständigkeit versicherte, und die mir, bis auf eine, letztlich vor allem Stress und Ärger einbrachten. 
Die eine Unternehmung, die ich keineswegs bereue, war mein Besuch bei der Frau, die kurz darauf als meine Dorffrau einen festen Platz in meinem Leben einnahm und es seitdem auf wunderbare Weise bereichert. Der gesamte Rest des Jahres und alle großen Entscheidungen, die ich traf, wurden durch sie geprägt. 

Beruflich war das Jahr durchwachsen. Zum alten Erstjob kam Mitte des Jahres der Zweitjob hinzu und ich erfuhr, wie es sich in einem geregelten Arbeitsumfeld arbeitet. Was soll ich sagen – es war ein Traum. Ich werde jetzt nicht Erst- und Zweitjob miteinander vergleichen. Es wäre ein unfairer Vergleich, weil sie sehr gegensätzlich sind, und er würde sehr einseitig, weil ich ganz schön sauer bin auf den Erstjob. Denn während der Zweitjob alles tat, um mich irgendwie zu halten, schien es mir, als knallten im räumlichen Umfeld des Erstjobs die Korken, dass mein Zimmer endlich frei ist, während im ideellen Umfeld noch immer Schockstarre herrscht. 
Das zeichnete sich bereits im Mai ab, als sich mit dem Weggang einer Kollegin das Klima für mich verschlechterte. Ich bin keine Einzelkämpferin. Und ich bin der Meinung, dass es würdelos ist, sich jahrelang den eigenen Job erkämpfen zu müssen. Die, die für meinen Job und um mich hätten kämpfen können, taten es nicht. Und die, die sich von meinem Job gestört fühlten und denen ich egal war, sabotierten, wo sie konnten. Als ich ankündigte, dass ich im nächsten Jahr nicht mehr zur Verfügung stehe, kam ich damit nur der sich abzeichnenden Entwicklung zuvor. Und es ist auf jeden Fall besser selbst zu gehen als gegangen zu werden. Auch wenn der Vorsprung nur gering ist.

Es war das intensivste und bewegteste Jahr seit langem. Auch wenn die derzeitige Situation nicht wirklich toll ist und die Zukunft in beruflicher Hinsicht noch unklar ist, bereue ich nichts und hoffe auf alles.