5. bis 11. Februar 2018

Dass meine Frau „noch einige Tage sehr viel Ruhe“ braucht, schrieb ich, nachdem ich sie aus dem Krankenhaus geholt hatte. Ich dachte dabei an zwei, drei mit stetigem Aufwärtstrend und irrte mich gewaltig. Und so stand die Woche ganz im Zeichen von Krankheit, Erschöpfung und Frustration.

Es macht mich fertig, dass ich nichts tun kann, um ihr zu helfen. Ja, ich tue den ganzen Tag irgendwelche Sachen, die irgendwie hilfreich sind, aber nichts davon macht sie gesund.

Sie wiederum macht es fertig, dass ich Schwierigkeiten habe, mich zu beschäftigen, wenn sie liegt und schläft. In mir ist ganz tief das Dogma verwurzelt, dass Menschen, die versuchen, sich gesundzuschlafen, nicht gestört werden dürfen. Das führt dazu, dass ich in der Wohnung herumschleiche, kaum in der Lage bin, mir einen Kaffee zu kochen, mich nutzlos fühle und das vermeintlich erzwungene Nichtstun nicht genießen kann. Denn in meiner Fantasie wäre ich in der Zeit in der Lage, sämtliche Wäsche zu waschen, die Wohnung grundzureinigen, ein Tote erweckendes Fünf-Gänge-Menü zu kochen und wahlweise ein weiteres Zimmer anzubauen oder eine Möglichkeit zum reversiblen Schrumpfen von Gegenständen zu erfinden. Aber weil das alles ganz furchtbar viel Lärm macht, kann ich es nicht machen und kriege so richtig fies schlechte Laune. Was für ein Blödsinn.

Vestibu… was auch immer

Es war wohl ein Vestibularisausfall. Oder vestibuläre Migräne. Jedenfalls weder lebensbedrohlich noch extrem lebensverändernd, so dass ich meine Ehefrau heute wieder mit nach Hause nehmen darf. Sie braucht noch einige Tage lang sehr viel Ruhe und möglichst wenig Stress und Aufregung.

Die Reha wurde um eine Woche verschoben. Zum Glück geht das problemlos und kostete lediglich einen Anruf. Und mein Urlaub um erstmal zwei Tage verlängert.

Ich bin unendlich erleichtert und froh. Ich könnte heulen, und das werde ich heute auch noch tun. In den Armen meiner Ehefrau – einen besseren Ort kann ich mir nicht vorstellen.

Und ich bin sehr dankbar für die aufmunternden Worte und guten Wünsche, die uns über Twitter und Instagram erreichten.

Tag 3, abends

Vorgestern war schlimm, gestern fast noch schlimmer. Und heute ging es plötzlich.

Ich kümmerte mich um Tommi und ein bisschen um den Haushalt, packte einige Sachen für meine Frau ein und nahm, ohne lange nachzudenken, den Zug. Es war klar, dass ich alleine zurückkehren würde, warum sollte ich mich also mit dem Auto herumquälen, zumal die Verbindung wochentags gar nicht so schlecht ist.

Das Umsteigezeit reichte, um am Asia-Imbiss einen Salat und Tom Kha Gai zu kaufen. Mit beidem machte ich meine Frau sehr glücklich.

Wir tigerten durchs Krankenhaus, immer auf der Suche nach einem ruhigen Plätzchen, genossen die Zeit miteinander, freuten uns, dass die Untersuchungen nichts Lebensbedrohliches ergeben hatten, und fluchten gemeinsam auf den Lärm und das ständige Angegucktwerden.

Tommi rächte sich fürs Alleinsein mit Aufmüpfigkeit bei der Hunderunde und Gefiepe, als er alleine im Wohnzimmer sein musste, während ich Abendessen machte. Das Kuscheln auf dem Sofa söhnte uns wieder aus.

Es war ein anstrengender Tag, aber um Längen besser als die zwei letzten. Sorgenfreier. Wenn das meine Routine für den Rest der Woche sein sollte, wäre das zwar doof, aber schaffbar.

Tag 3, morgens

Meine Ehefrau ist seit drei Tagen krank. So krank, dass sie bereits zwei Nächte und Tage im Krankenhaus verbringen musste. So krank, dass unklar ist, wann sie wieder nach Hause kann. Und niemand weiß mit Sicherheit, was sie hat.

Ich kümmere mich, ich sorge für sie und mich um sie. Ich bereue zutiefst, nicht eingeschritten zu sein, als der erste Arzt unnötig grob war und als der zweite Arzt unnötig laut sprach. Beides, wusste ich, quält sie unnötig. Und es macht mich fertig, dass ich nichts tun konnte, damit der dritte Arzt überhaupt mal nach ihr sieht.

Das alles nimmt mich sehr mit. Mein Körper fühlt sich wund und schwach an, und sobald ich nicht bei meiner Frau bin, bin ich sehr traurig und vermisse sie in jeder Sekunde. Das fühlt sich nicht gut an, aber irgendwie richtig.

Und trotzdem ist da eine fremde Stimme in meinem Kopf, die von Abhängigkeit spricht, von Schwäche und vom Nichtalleinseinkönnen. Diese Stimme hat anscheinend keine Ahnung, wie es ist, zu lieben und sich um den geliebtesten Menschen zu sorgen. Es ist ein Unterschied, ob ein Mensch mal eben zur Mülltonne geht oder mit unklaren Symptomen im Krankenhaus liegt und von Personal nicht kaum behandelt wird – geschweige denn gut. Es steht eine Reha an, die mindestens drei Wochen Trennung bedeutet. Auch das wird eine harte Zeit, aber gegen das jetzt wird das ein Spaziergang.

Es ist höchste Zeit, dass diese blöde bewertende Stimme aus meinem Kopf verschwindet. Sie legt Maßstäbe an, die nicht meine sind. Ich glaube, kein emotional einigermaßen gesunder Mensch hat solche Ansprüche. Mir fällt nur leider nichts ein, wie ich sie loswerden könnte, als gegen sie zu argumentieren und sie zutiefst für die künstliche Härte, die sie sich auferlegt, zu bedauern. Und sie daran zu erinnern, dass Hartes bei Druck sehr viel leichter bricht als Weiches.

29. Januar bis 4. Februar 2018

Die Woche war geprägt von Müdigkeit und beginnendem Abschiedsschmerz wegen des immer näher kommenden Abreisetermins meiner Ehefrau zu ihrer Reha. Für drei Wochen sollte sie dort sein und die Hilfe erhalten, die so dringend notwendig ist. Das steht nun auf der Kippe, denn gestern musste ich sie ins Krankenhaus bringen, und ob sie da rechtzeitig und rehatauglich entlassen wird, steht in den Sternen. Uns geht es momentan auf unterschiedlichen Levels gründlich beschissen.

Meine Arbeitswoche war auch nicht ganz einfach. Dort häufen sich gerade die schwierigen Fälle. Auch wenn ich zur Entspannung eine normalerweise einfache Aufgabe begann, begegnete mir innerhalb kürzester Zeit ein Problemfall. Das war frustrierend. Zugleich entstanden in mir sehr viele Ideen, wie der ganze Prozess verbessert werden könnte, und ich wünsche mir sehr, sie einmal anbringen zu können. Das ist der übliche Verlauf, der mich trotzdem immer wieder fasziniert. Zu Beginn der Tätigkeit hatte ich den Eindruck, es sei nicht nötig, dafür studiert zu haben. Dann wurde mir klar, dass die Aufgaben doch anspruchsvoller sind, und ich fuchste mich rein. Und jetzt würde ich am Liebsten einen Leitfaden für mein noch lernendes Ich schreiben.

Das war’s. Kurz und knackig. Zu mehr reicht die Kraft nicht.

Tag 2

Gestern war ein Kampftag. Ich dachte, wenn der überstanden ist, wird es besser. Und dann war ich heute den halben Tag bei meiner Ehefrau im Krankenhaus, nachdem ich morgens eine längere Hunderunde gemacht hatte. Ich hatte eine sich ziehende Hin- und eine furchtbare, Kopfschmerzen erzeugende Rückfahrt. Im Krankenhaus gab es keine Minute, in der wir nicht irgendwelche Menschen in Hör- und Sichtweite hatten. Ich genoss es so sehr, meine Frau zu sehen, in den Arm zu nehmen, ohne Handy mit ihr zu sprechen. Und gleichzeitig machte die Umgebung den Genuss sehr bitter. Zuhause warteten eine chaotische Küche und ein vernachlässigter Hund. Er war als erstes dran und bekam seine Runde. Jetzt habe ich Hunger. Die Küche ist noch immer chaotisch. Und der Hund noch immer vernachlässigt. Wenn ich aus dem Zimmer, fiept er. Ausdauernd. Meine Nerven liegen blank, und ich muss sein Generve aussitzen, denn jede Reaktion wäre Bestätigung. Ich weiß das. Und es ist schwer. Käme jetzt jemand auf die Idee, mir einen Topf Suppe zu bringen, würde ich heulen vor Glück. Das macht aber keine_r. Weil die, denen wir am Herzen liegen, zu weit weg sind.

Ich koche mir jetzt was. Yogi-Tee. Der tut mir gut. Und eines der einfachsten und am wenigsten Aufräumbedarf erzeugenden einigermaßen gesunden Gerichte, das mir einfällt.

Wachstumsschmerzen

„Es geht mir überhaupt nicht gut“, sagte meine Ehefrau zu mir. Und ich widerstand dem allerersten Impuls, meine Krankenschwester-Mutter anzurufen und telefonierte stattdessen mit dem Ärztlichen Bereitschaftsdienst.

„Bring mich bitte so schnell wie möglich ins Krankenhaus“, sagte meine Ehefrau zu mir. Also fuhr ich sie. Beunruhigt. Ohne Fahrpraxis. Während es schneite.

„Die dürfen mir auf keinen Fall [hier den Namen einer Medikamentengruppe einsetzen] geben“, sagte meine Ehefrau. Und ich achtete auf alles, was Ärzt_innen und Pflegepersonal sagten und taten.

„Es ist das Beste, wenn ich hierbleibe“, sagte meine Ehefrau. Und ich besorgte ihr das Nötigste für die erste Nacht.

„Fahr vorsichtig“, sagte meine Ehefrau, als ich mich verabschiedete. Und ich fuhr. Alleine. Ohne Fahrpraxis. Durch eine mir immer noch relativ fremde Stadt. Mich beständig dem Navi widersetzend, das mich über die Autobahn leiten wollte.

Dann führte Tommi seinen Gassitanz auf. Trödelte draußen rum, ignorierte mich geflissentlich und zog an der Leine. Da verließen mich Geduld und Kraft, ich ging nach Hause (mit Tommi natürlich) und dort konnte ich endlich weinen.

Das war okay. Wachstumsschmerzen gehören dazu.